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Mille Miglia – 1.000 unglaubliche Meilen

Die Sonne strahlt kraftvoll auf Brescia nieder, das würzige Aroma der Lombardei wird in diesen besonderen Tagen des Jahres durch den markanten Geruch von Benzin, Öl und Gummi begleitet. Mit italienischer Gelassenheit werden im historischen Kern der Stadt die letzten Vorbereitungen für den großen Start eines der berühmtesten Autorennen der Welt getroffen – die Mille Miglia. Die Schaufenster der Geschäfte sind mit alten Lenkrädern und Helmen, mit Modellautos und Aufstellern geschmückt. Hin und wieder hört man ein paar Straßen weiter den Klang eines nahezu ungedämpften Motors, doch von Anspannung oder Aufregung ist weit und breit keine Spur.

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Auf dem Messegelände der Stadt ist das Treiben ein wenig emsiger. Keine Hektik, vielmehr konzentrierte Bewegungen und gut koordinierte Abläufe sind es, mit denen hier Millionenwerte hin und her rangiert werden. Viele wundervolle Wagen werden nebeneinander aufgereiht und mit Sorgfalt und Herzblut für die kommenden Tage vorbereitet. Geübte Hände kontrollieren ein paar letzte Schrauben und kleben die Startnummern auf, Staub und Schmutz der Anreise werden vom Lack gewaschen, die Blitze der Fotografen durchzucken die große Halle immer und immer wieder, mit alten Bekannten und neuen Freunden wird Espresso getrunken und man möchte wirklich gern die Geschichte jedes einzelnen Boliden hören. Doch das würde Wochen dauern und so bleiben nur sehnsüchtige Blicke auf die einzigartigen Wagen mit ihren unfassbaren Historien. Ein Fahrzeug nach dem anderen rollt durch die technische Abnahme und wartet dann geduldig bis zum Morgengrauen des nächsten Tages.

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Das Zentrum Brescias brodelt. Unglaubliche Menschenmengen drängeln und drücken sich durch die engen Gassen des historischen Stadtkerns. Dazwischen dröhnen die Motoren der Wagen die die Mille Miglia bezwingen wollen, begleitet vom Schnarren ihrer alten Hupen. Die Mischung aus hektischem Treiben und italienischer Gelassenheit sorgt für eine ganz besondere Stimmung, die einen Großteil des Charmes der Mille ausmacht. Jeder meint es hier absolut ernst und doch geht es um den Spaß an der Sache. Rennsport-Legenden wie Jochen Maas oder Bernd Schneider pilotieren die Motorsportgeschichte von Mercedes-Benz durch den Norden Italiens, Stars wie Jay Leno oder Brian Johnson sitzen hintern den wuchtigen Lenkrädern alter Jaguar Modelle. An der Startlinie sind sie jedoch alle gleich – nervös, gespannt auf die kommenden Tage und mit dem Grinsen kleiner Jungen im Gesicht, denen der größte Wunsch erfüllt wird.

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Während der Mille Miglia herrscht Ausnahmezustand auf den Straßen. Die Polizei drückt meist mehr als ein Auge zu. Urplötzlich entstehen für ein paar Momente dritte Spuren auf eigentlich zweispurigen Straßen. Mit Sirenengeheul bewaffnete Polizeimotorräder öffnen Gassen und blockieren Straßen, um ein unproblematisches Durchkommen der Wagen zu ermöglichen und die eine oder andere Stelle ist wie gemacht dafür, um den rechten Fuß ein kleines bisschen weiter nach unten zu drücken. Natürlich ist die Mille Miglia der Gegenwart eine Gleichmäßigkeitsfahrt, aber seit wann kann man nicht auch zügig und gleichmäßig fahren? So kommt immer wieder wahres Motorsport-Feeling auf, ohne dass brenzlige Situationen entstehen.

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Vermutlich gibt es kaum ein anderes Event, bei dem eine solche Menge Mercedes-Benz 300 SL zeitgleich auf über die Straßen eine Region rollt. In Silber, Rot und Schwarz gleiten die Flügeltürer über die italienischen Landstraßen. Dazwischen schlängeln sich Maseratis, Ferraris, Bentleys, BMWs und jede Menge überaus exotischer Wagen, von deren Existenz man nur als echter Experte weiß. Die Teilnahmebedingung der Mille Miglia schreiben unter anderem vor, dass die startenden Wagen zwischen 1927 und 1957 – dem Austragungszeitraum der originalen Mille Miglia – gebaut worden sein müssen und ein solches Modell auch bei der Mille an den Start gegangen sein muss. So finden sich auch zwei Oldsmobile Rocket 88 und ein Renault 4CV im elitären Starterfeld. Unter den 451 Startern gibt es keinen Wagen, den man sich nicht in die eigene Garage träumt – den einen vielleicht nur etwas mehr als den anderen.

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Immer wieder schaffen wir es, unseren Mercedes-Benz ML mit offizieller Presse-Beklebung in den Pulk zu bugsieren. Wir lassen uns vom Schreien der Motoren mitreißen, folgen den kleinen Grüppchen so rasant und zugleich so vorsichtig wie möglich. Wir lassen sie passieren und schauen sehnsüchtig hinterher, wenn sie mit einem weiteren waghalsigen Manöver davon ziehen. In diesen Augenblick ist der Körper gefüllt mit Adrenalin, die Konzentration ist auf dem absoluten Höhepunkt, jedes Haar am Körper richtet sich vor Spannung auf und man balanciert zwischen todesmutigem Rennfahrer und ultravorsichtigem Chronist.

Die Tage sind lang. Dabei fahren wir schon kürzer Strecken, um dem Pulk mehrfach an spannenden Orten begegnen zu können. Mitternächtliche Snacks gehen kurzen Dusch-Sessions voran, bei denen nur kurz der Staub des Tages abgewaschen wird und schon geht es in die Betten. Die Wecker klingeln früh, sehr früh.

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Wundervolle Bergetappen, traumhafte Landstraßen und brodelnde Stadtzentren wechseln einander ab. Eintausend Meilen sind eine weite Reise und spätestens am zweiten Tag ist der Respekt für die Fahrer in den historischen Vehikeln unbeschreiblich. Es gibt keine Abkürzungen, keinen modernen Komfort und bei den meisten noch nicht einmal ein Dach, das vor der italienischen Sonne schützen könnte. Rennwagen waren damals einfach kompromissloser ausgelegt – maximales Leistung, minimaler Materialeinsatz. Nicht nur der Lotus Gründer Colin Chapman wusste, dass es um das richtige Verhältnis von Leistung und Gewicht geht.

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Das vorletzte Etappenziel in Rom wird zweifellos zur legendären Anekdote, denn hier wurde die gesamte Bühne für alle eingefahrenen Autos bereits abgebaut, ehe die Hälfte der Wagen überhaupt dort angekommen war. Das Publikum zog sich zurück und die erschöpften Fahrer steuerten einfach direkt ihre Hotels an. Hier wurden im Schein der Laternen seltsam anmutende Nachtschichten auf den Parkplätzen eingelegt, um die Fahrzeuge wieder für den kommenden Tag vorzubereiten. Vergaser wurden synchronisiert, Getriebe getauscht, Reifen gewechselt und andere Kleinigkeiten behoben. Bis kurz vor Morgengrauen schwebt ein Geräuschpegel über den Hotels, der sich nur ertragen lässt, weil die Erschöpfung zu groß ist. Gefühlt wird es für eine Stunde ruhig und kurz nach dem Sonnenaufgang, geht es schon wieder weiter. Aber wer kann schon böse sein, wenn die drei Vergaser eines Reihensechszylinders röchelnd und schmatzend das Gemisch aufbereiten, dessen verbrannte Reste mit einem heiseren Dröhnen durch die beiden Auspuffrohre abgeleitet werden?

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Wenn der Weg das Ziel ist, dann führt er in diesem Falle zweifellos durch Brescia, denn hier ist die Tribüne aufgebaut, über die die erfolgreichen Teilnehmer der Mille Miglia ihre längst nicht mehr so glänzenden Wagen rollen lassen. Lancia, Alfa Romeo und Fiat – die ersten drei Plätze sind fest in italienischer Hand und werden gefeiert, wie die Helden von einst. Es ist ein wirklich fantastisches Schauspiel, dass sich über diese vier Tage entwickelt hat. Es braucht nicht einmal den sprichwörtlichen Tropfen Benzin im Blut, um der Faszination der Mille Miglia zu erliegen. Es reicht aus, nur in die Nähe dieses legendären Events zu kommen. Der rote Pfeil mit den magischen Zahlen und Buchstaben wird sich unwiderruflich in den Kopf brennen, begleitet von der Frage, wie es denn wohl sein würde, selbst hinter dem Lenkrad eines solchen Wagens zu sitzen. Wer weiß, vielleicht lässt sich das eines Tages ja sogar doch noch rausfinden. Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben.

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Fotos: Tim Adler für Heldth


Mit freundlicher Unterstützung von Mercedes-Benz Classic und Ben Sherman.