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Wiedervorlage: Sheryl Crow

Dies ist die Geschichte einer Frau, die es eigentlich erst mit ihrem zweiten Album allen Kritikern zum Trotz so richtig beweisen musste und wollte. Sheryl Crow war 31 Jahre alt, als sie ihr Debütalbum Tuesday Night Music Club veröffentlichte. Auch wenn es bis zum darauf enthaltenen Überhit All I Wanna Do dauern sollte, bis der verdiente Erfolg eintrat – er kam. Und das gewaltig. 1995 erhielt sie mehrere Grammys, geriet aber mit den Musikern ihrer Band und anderen am Album Beteiligten in Streitereien darüber, wie groß der eigentliche Einfluss der Musikerin am besagtem Erfolgsalbum eigentlich war.

Es dauerte nicht lang und die amerikanische Rocksängerin hatte den Ruf weck, allein nichts auf die Reihe zu kriegen und den gerade erworbenen Erfolg kein zweites Mal wiederholen zu können. Drauf geschissen. Mit dem nach ihr benannten zweiten Album zeigte es Crow ihren früheren Bandmitgliedern und Produzenten. Schon das Cover machte deutlich, das hier Musik von jemandem zu erwarten war, der sich nichts gefallen lässt: die Nahaufnahme ihres leicht gesenkten Kopfes, dann die langen Haaren, die ihr ins Gesicht hingen.

Stolperte Crow mit dem Opener Maybe Angels noch relativ beschädigt durch die Boxen der damaligen Wohnzimmer, bescherte sie einem direkt im Anschluss mit A Change Would Do You Good einen hausgemachten Ohrwurm. Schräge Orgel, düstere Gitarre, ein Schlagzeug, das auch als frenetischer Dauerklatscher durchgehen würde und eine bestens aufgelegte Sheryl Crow, die es schafft, in ihre Stimme gerade so viel angepisste Attitüde zu legen, dass sie trotzdem noch als All American Girl durchging.

Das bitter-süße Home zeigt eindringlich wie ein gebrochenes Herz sich anhören kann. Mit dem elegant-aggresiven Hard To Make A Stand präsentiert sich Crow als fabelhafte Erzählerin und eröffnet einen der besten Song-Dreier (drei Songs eines Albums in Folge sind schlichtweg unskipbar) der Albengeschichte. Everyday Is A Winding Road macht keinen Hehl aus seiner Nähe zur längst verblassten Hippie-Generation, die hier eine letzte Gelegenheit bekam, noch mal ordentlich zu feiern. Zu Love Is A Good Thing, einer großartig lasziven Nummer, kann man vermutlich sehr guten Sex haben.

Am Ende des komplett selbst produzierten Albums besingt die Tochter zweier sehr musikalischer Eltern noch einmal die Sad Sad World, in der sie sich damals wähnte. Was auch immer schief gelaufen war: Ihrer Mischung aus alternativem Rock und Country taten die Erfahrungen gut. Mehr als vier Millionen Einheiten ihres zweiten Albums verkauften sich bis jetzt. Und ja, damit erreicht sie zwar nur die Hälfte der Zahlen ihres Debüts, aber damals wie heute gilt: Diesmal hatte sie es allein geschafft. Das 1996 veröffentlichte Sheryl Crow ist deshalb bis heute eines der beeindruckendsten Alben einer – und das darf man nicht vergessen – 34-jährigen Newcomerin, die eben erst mit ihrem zweiten Album beweisen musste, dass sie auf niemanden angewiesen ist, um gute und erfolgreich Musik zu machen.

Text: Ronny Janke
Foto: A&M Records  (Universal Music)
Videos: YouTube