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Almost Fourty – Das letzte bisschen Zeit

Angeblich hat, der von mir hoch geschätzte, Olli Schulz einmal in einer Radiosendung gesagt, dass mit 40 alles vorbei sei. Das wurde mir eben in der Umkleide des Sportstudios mitgeteilt. Ich habe Geburtstag, meinen neununddreißigsten. Während schneematschige Stiefel und dicke Daunenjacken gegen Turnschuhe und Dri-FIT Shirts getauscht werden bekomme ich also eine äußerst düstere Zukunft vorausgesagt. Soll das wirklich stimmen? Bleiben mir noch 366 Tage, ehe alles vorbei ist? Zum Glück ist 2016 ein Schaltjahr, immerhin kann ich so 24 zusätzliche Stunden für mich rausschlagen.

Aber was ist dann eigentlich vorbei? Dass ich dann auf der Stelle tot umfalle ist äußerst unwahrscheinlich. Schließlich gibt es da draußen eine ganze Menge Menschen, die sind deutlich über 40 und so richtig vorbei scheint es bei denen auch nicht zu sein. Sie laufen fröhlich lächelnd durch die Straßen, haben scheinbar eine ganze Menge Spaß am Leben und lassen es in regelmäßigen Abständen richtig krachen. Gleichermaßen trifft man auch oft genug auf Menschen, die mit Anfang 30 schon auf dem Zahnfleisch laufen und einem die nahende Zombie-Apokalypse glaubhaft verkaufen könnten.

Während Mann in seinen Zwanzigern zu den tollsten Höchstleistungen, sowohl vertikal als auch horizontal, fähig sein mag, ist in diesem Punkt doch eher die Quantität das ausschlaggebende Kriterium. Erfahrungen muss man schließlich erst sammeln, um davon profitieren zu können. Der männliche Stoffwechsel geht üblicherweise mit Ende 20 das erste Mal in die Knie, beziehungsweise in den Bauch. Plötzlich wächst die Körpermitte unerwartet und wenn man kurz mal die Kontrolle verliert, kann das schnell imposante Ausmaße annehmen. Die Sache mit dem zurückweichenden Haaransatz hat sich bis dahin ebenfalls schon sortiert. Diese Themen können also schon mal nicht gemeint sein.

Wenn man seinen ganz persönlichen Zielen und Vorstellungen folgt, hat man mit 40 vielleicht ein Haus, ein Boot, einen Sportwagen, eine wundervolle Familie, ein Pferd, ein Golf Handicap von -8, ein paar nennenswerte finanzielle Rücklagen oder wenigstens irgendetwas davon. Das ist doch eher verdammt cool und vorbei ist damit erst einmal auch noch nichts, außer übertriebener Anstrengungen vielleicht.

Mit 40 kann man sich ein ganzes Stück lockerer machen. Man hat eine Menge erlebt und gesehen. Ein paar Punkte der imaginären „Bucket List“ dürften längst abgehakt sein und außer sich selbst, muss man auch niemandem mehr irgendetwas beweisen. Vermutlich hat Olli Schulz halt einfach gar keine Ahnung von diesem Thema.

Die kunterbunte, sich immer wieder umorientierende Welt der Frauenzeitschriften stellt immerhin in regelmäßigen Abständen fest, dass Männer oftmals wie ein guter Whisky altern und jedes Jahr besser werden. Selbstverständlich in jeglicher Hinsicht, kann ja gar nicht anders sein. Und jetzt mal Hand aufs Herz, 40 Jahre alter Whisky ist zweifelsohne etwas wirklich Besonderes.

Weil schon Pipi Langstrumpf wusste, dass man sich die Welt so machen sollte, wie sie einem gefällt, werde ich mich also einfach an dieser Metapher festhalten und wie ein guter Whisky altern. Nur wenn die Flasche dann irgendwann leer ist, könnten sich Trauer und Unbehagen breit machen. Aber eine leere Flasche möchte ich ja gar nicht werden.

Text: Kai van Heldth
Foto: Tim Adler für Heldth