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Almost Fourty – Das Erreichen der Pflegestufe

Die Haut eines erwachsenen Mannes hat sich in den letzten 30 Jahren zu einem schier unendlichen Spielplatz für die Kosmetikindustrie entwickelt. Früher kam man damit aus, mit einem Stück Seife für die regelmäßige Grundreinigung zu sorgen und mittels Rasierseife und -wasser den Bartwuchs im Griff zu behalten. Wenn es ganz verrückt sein sollte, wurde noch eine möglichst unkomplizierte Creme hinzugezogen, um der Haut wenigstens ab und zu etwas Gutes zu tun und das Gefühl von Pflege aufkommen zu lassen.

Im Grunde war Männerhaut früher aber so rau, hart und erbarmungslos, wie das Leben eines Mannes eben auch. Wer Bären mit bloßen Händen zu Boden ringt, bei -10°C Außentemperatur eventuell in Betracht zieht, die Hemdsärmel ein wenig runterzukrempeln und seinen tiefschwarzen, beinahe zähflüssigen Kaffee auf einem offenen Feuer im Wald kocht, hat nun einmal weder Zeit, noch Muße für Cremes, Lotionen, Gels und Öle, mit denen man zugleich gegen Ermüdungserscheinungen, Falten und Ungleichmäßigkeiten vorgeht, während man dabei auch noch für eine entsprechende Zellregeneration, ausreichende Feuchtigkeit und mehr Spannkraft sorgt.

Vor ein paar Jahrzehnten war die Morgentoilette eines Mannes ein einfaches Ritual, für das man nicht sonderlich viel Zeit und selbstverständlich auch keine Armada von unterschiedlichsten Produkten und Werkzeugen benötigte. In beliebiger Reihenfolge putzte man sich die Zähne, rasierte und wusch sich, dann noch die Haare richten, fertig. Zugegeben, es gab berechtigen Raum für den Ausbau des maskulinen Pflegeprogramms. Die Menge an Töpfen und Tiegeln, Etuis für verschiedene Werkzeuge und der dafür benötigte Platz sind in den letzten Jahren jedoch exorbitant gewachsen. Vorausgesetzt, man folgt den Ratschlägen und Trends, die durch die Industrie und die Medien geprägt werden.

Heutzutage gibt es beinahe nichts, was es nicht gibt. Dabei trägt die Hälfte der Produkte Bezeichnungen, die man innerhalb der ersten 30 Minuten nach dem Aufstehen überhaupt noch nicht aussprechen kann. Kleine Kostprobe? Heavy Lifting Eye Repair, Age Fight Gel Perfecteur, Oil Control Exfoliating Tonic, Hydra Energy Reinigungsschaum, Eliminator Deep Cleansing Exfoliating Face Wash, Age Fitness Advanced Soin Yeux Augencreme. Das klingt nicht nur so, diese Produkte sind vermutlich wirklich so etwas wie Raketentechnik für Haut und Haar.

Schenkt man der Werbung Glauben, sieht man dank einer gezielten Kombination dieser vielen verschiedenen Pflegeprodukte innerhalb von maximal zwölfeinhalb Minuten mindestens zwanzig Jahre jünger aus. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum die Kommunikation vorwiegend an Männer ab 40 gerichtet ist. Wenn man selbst erst zwanzig Jahre alt ist, hat man eine Menge Träume und Visionen. Zehn Jahre jünger auszusehen gehört aber garantiert nicht dazu.

Reifer werdende Männer sind ein ziemlich großer und vor allem spannender Markt für die Kosmetikindustrie. Die Balance zwischen ultimativer Pflege und der Erhaltung eines möglichst maskulinen Images ist eine große Herausforderung für die Marketingabteilungen geworden. In der Postmetrosexualität darf ein Mann schließlich auch wieder ein bisschen rauer sein.

Glücklicherweise dürfen Männer aber ein paar Falten und graue Haare haben, ohne dass im Gegenzug ein Einbruch der Attraktivität zu befürchten ist. Im Gegenteil, ein paar Spuren des körperlichen Verfalls gelten als interessant und sind zugleich Zeichen eines aufregenden Lebens, im positiven Sinne versteht sich. Ein wenig Unterstützung durch die Inhalte der Töpfe und Tiegel kann jedoch nicht schaden. Schließlich sehen gepflegte Falten um die Augen halt doch immer noch besser aus, als kraftlos rumhängende Hautlappen. Kräftiges Haar wirkt dynamischer als schlaffe Fuseln. Und, eigentlich sollte es gar keiner besonderen Erwähnung bedürfen, Männer sollten auf gut duften. Dezent und maskulin versteht sich.

Noch weigere ich mich, eine halbe Stunde eher aufzustehen, um das tägliche Körperpflegeritual exzessiv auszuweiten, ehe ich den üblichen Bärenringkampf im Wald abhalte und meinen Kaffee auf einem offenen Feuer koche. Die Vorstellung diverse Cremes an unterschiedlichen Körperstellen aufzutragen, bestimmte Hautpartien sanft zu massieren oder Gels einwirken zu lassen, statt lieber etwas länger im Bett zu liegen, passt nicht in meine Selbstwahrnehmung. Lieber setze ich auf meine guten Gene, hoffe auf das Wunder der spurlosen Alterung und tröste mich mit dem Gedanken, dass die nächsten fünf Falten ja vielleicht genau die sind, die mich interessanter aussehen lassen.

Wenn die Nacht dann aber doch mal wieder etwas zu kurz geraten ist, bin ich jedoch dankbar für die Tube Kiehl’s Facial Fuel im Bad. Ein bisschen Backup kann schließlich nicht schaden und ich möchte ja auch auf keinen Fall, dass meine Falten am Ende ein bisschen zu interessant wirken. Es muss ja auch nicht unbedingt die Raketentechnik sein, die einen um zwanzig Jahre verjüngt. Altbewährtes hat schließlich auch seine Daseinsberechtigung. Nivea Creme gibt es zum Beispiel schon seit über 100 Jahren und so eine blaue Dose im Bad sieht sogar ein bisschen männlich aus.

Text: Kai van Heldth
Foto: Heldth