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Almost Fourty – Mal eben die Welt retten

Als Kind hat man oftmals eine Menge ziemlich großer Träume und irgendwann gehört ganz sicher auch mal der Wunsch dazu die ganze Welt zu retten. Schließlich gibt es eine ganze Menge Bedrohungen da draußen, seien es Weltraummonster auf der Suche nach Rohstoffen und Sklaven, fiese Bösewichte mit finsteren Weltherrschaftsplänen, riesige Kometen die auf die Erde zu rasen und dergleichen. So ganz verschwindet dieser Drang ein Held zu sein, der irgendwie das Überleben der Menschheit sichert, nie aus dem Hinterkopf. Allerdings schwindet der Glauben daran, das besagte Weltraummonster irgendwann auf der Matte stehen könnten, mit der Zeit. Und darf man die Welt überhaupt retten, wenn man seine Unterhosen nicht über der Kleidung trägt?

Natürlich wird man sich aber des Faktes gewahr, dass die größte Bedrohung der Welt die Menschheit selbst ist. Neben den Anführern verschiedener Nationen, bei denen die erschreckende Größe des Waffenarsenals im Kontrast zur verfügbaren emotionalen Intelligenz steht, ist es vor allem der gnadenlose Raubbau am Zustand der Natur, der den drohenden Weltuntergang näher rücken lässt.

Man kann sich jetzt aus der Affäre ziehen, indem man sagt, dass einer allein schließlich auch nichts ändern könnte und wir sowieso allem dem Untergang geweiht sind. Aber das entspricht so gar nicht dem Geist eines ehemaligen Träumers, der die Welt retten wollte. Es geht auch gar nicht darum, plötzlich zum Dreadlocks tragenden Ökoterroristen in Sackleinen zu werden, der latent stinkend der Gesellschaft den Rücken kehrt, um im perfekten Einklang mit der Natur zu leben und dabei auf die vielen Vorzüge der Zivilisation zu verzichten.

Es gilt einfach nur ein paar Dinge im Leben zu ändern, ein paar Sachen bewusster zu machen, schlechte Angewohnheiten abzustreifen und die eine oder andere Kleinigkeit etwas intensiver anzupacken. Es gibt viele Möglichkeiten seinen Teil beizutragen und tatsächlich geht das in einigen Punkten mit steigendem Alter ein wenig einfacher. Zum einen, weil man geduldiger und mit etwas Glück auch besonnener wird, zum anderen – machen wir uns nichts vor – weil die eine oder andere Maßnahme auch ein paar Euro mehr auf dem Konto verlangt. Es geht in erster Linie schließlich darum, dass man sein eigenes Gewissen im Griff hat und morgens beim Zähneputzen nicht beschämt zu Boden, sondern in ein leicht zerknittertes, aber weltrettendes Gesicht blickt.

Es ist immer auch eine Frage der finanziellen Möglichkeiten, wenn man etwas Gutes tun will. Der wöchentliche Einkauf im Bio-Supermarkt ist nun mal teurer als der beim Discounter. Aber wer möchte schon Schrott essen? Die nachhaltig und/oder traditionell produzierte Kleidung verlangt ebenfalls nach einem dickeren Geldbeutel, zumindest bei der Anschaffung. Dafür hält sie letztendlich aber meist auch deutlich länger. Mein ältestes und liebstes Paar Red Wing Boots ist beispielsweise fast zwölf Jahre alt und schon damals war der Kauf eine ganz bewusste Entscheidung für Style, Qualität und das Wissen darum, dass diese Schuhe garantiert ökologischer sind als die meisten anderen Alternativen.

Je älter man wird, umso vielschichtiger werden die Entscheidungen, die es zu treffen gilt. Beim Hausbau möchte man am Ende halt doch die Heizung verbauen, die anfangs kostenintensiver ist, nach ein paar Jahren aber bares Geld spart und dabei auch noch besser für die Umwelt ist. Man bestellt doch lieber die teureren, besser isolierten Fenster und vermutlich greift man auf die eine oder andere traditionelle Dämmung zurück, die ebenfalls mehr finanziellen Einsatz fordert, dafür aber ein ruhigeres Gewissen macht.

Aber natürlich gilt es auch die Balance zu finden, denn wenn man ehrlich zu sich selbst ist, gibt es immer ein paar Dinge, die man anders und besser machen könnte und trotzdem möchte man das nicht. Wenn das eigene Auto mehr als 200 PS hat, dann war das eine sehr bewusste Entscheidung für ein glückliches Grinsen im Gesicht beim Tritt auf das Gaspedal. Ein energiesparender Hybrid wäre vielleicht die ökologischere Alternative, aber das garstige Fauchen aus den Edelstahlauspuffrohren ist halt doch um einiges sexier als das Wissen, dass man 4,18 Liter Benzin gespart hat. Der Urlaub auf den Seychellen wird niemals eine Auszeichnung für ein besonders grünes Gewissen bekommen, aber immer nur an den Baggersee zu fahren ist halt auch nicht der Knaller.

Selbst unter den Entscheidungsträgern der deutschen Industrie gibt es mittlerweile eine Menge Träumer, die ihren Kindheitswunsch, die Welt zu retten, noch immer eisern verfolgen. Damit ist Deutschland zweifelsohne in einer Vorreiterrolle, wenn man sich mal andere bedeutende Industrienationen vergleichend anschaut. Eigentlich ganz schön gut, wenn man weiß, dass man in einem Land voller Held(th)en lebt. Lasst uns die Welt einfach gemeinsam retten. Ein bisschen wenigstens, wir nehmen auch den V8 für den Weg auf das Schlachtfeld.

Text: Kai van Heldth
Foto: Teymur Madjderey für Heldth