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Wiedervorlage: Long Gone Before Daylight

Ab wann ist ein Klassiker ein Klassiker? Was genau macht einen Klassiker zu eben jenem? Und ist es erlaubt, ein gerade mal 13 Jahre altes Album in dieser Rubrik zu platzieren? Einen Versuch ist es wert. Vor allem, wenn es um die Band The Cardigans geht, die es seit 1992 gibt und spätestens seit ihrem Überhit Lovefool aus dem Film Romeo + Julia sind die fünf Schweden so gut wie weltweit bekannt. Doch heute geht es nicht um das Debütalbum. Auch nicht um das 1998 veröffentlichte Gran Turismo, welches sich innerhalb kürzester Zeit zum erfolgreichsten Album der Band entwickelt.

Nein, im Mittelpunkt steht Long Gone Before Daylight. Das 2003 erschienene Album stellt nämlich einen Wendepunkt in der Geschichte der Band dar. Einen, der zwar von den Kritikern hochgelobt, aber von den Fans mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurde. Jetzt, mehr als zehn Jahre später, ist es mehr als angebracht, Long Gone Before Daylight all denen zu empfehlen, die wie The Cardigans damals, mittlerweile auch erwachsener geworden sind und immer öfter feststellen, dass sie Entscheidungen treffen, die sie womöglich viele Jahre zuvor noch gemieden hätten wie der Teufel das Weihwasser.

Bis zu Long Gone Before Daylight waren The Cardigans bekannt für große Popmelodien im Bereich der alternativen Rockmusik. Die zwei Gründer der Band, und das wissen vielleicht die wenigstens, kommen ursprünglich aus der Heavy-Metal-Ecke. Eingängig, mitreißend und zuweilen fröhlich klingen die Songs auf den frühen Alben der Schweden. Mit Long Gone Before Daylight aber war die Band mit einem Mal erwachsen geworden. Das ist keine Musik mehr, zu dem man die erste Liebe zelebriert. Keine Musik, zu der man Pferde stehlen kann. Und keine Musik, die einen begleitet, wenn man mal wieder die rosarote Brille trägt.

Auf ihrem fünften Album entdeckt die Band den Blick zurück. Es werden Geschichten über Verluste erzählt, über gemachte Fehler und das, was man daraus gelernt hat. Überhaupt werden im tatsächlichen Sinne Geschichten erzählt, bei denen man nicht das Gefühl hat, das hier einfach nur Strophe auf Strophe folgt. Allen Songs ist eine eigenartige Magie eigen, die daraus kleine Mini-Filme macht. So kitschig Zeilen wie „If you want me, I’m forever“ auch auf Deutsch klingen würden – wenn Nina Persson sie mit einer aus vielen Erfahrungen resultierenden Gelassenheit singt, dann weiß man: genau das ist es. Long Gone Before Daylight ist das, was man geglückte Weiterentwicklung nennt. Das, auf was wir alle aus sind. The Cardigans haben diesen Punkt bereits 2003 erreicht. Nun ist es an der Zeit, ihnen zu folgen.

Text: Ronny Janke
Foto: Stockholm Records (Universal Music)
Videos: YouTube, Vevo