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Almost Fourty – Ein Paar für’s Leben

Das günstigste Paar Schuhe in meinem Kleiderschrank hat 300 Euro gekostet. Das mag im ersten Augenblick unheimlich protzig klingen, aber es gehört halt auch noch ein zweiter, mindestens genau so wichtiger Fakt zu dieser Geschichte. Ich besitze diese Schuhe seit fast zwölf Jahren. Genau das ist der Grund, warum es mein günstigstes Paar ist. In diesen zwölf Jahren habe ich unzählige Sneakers zu Grabe getragen – irreparabel, völlig aus der Form gebracht, unwiederbringlich zerstört und im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten.

Sneakers sind irgendwie unkompliziert. Wenn man Sneakers nicht als Sammelobjekt behandelt, sondern die Dinger einfach trägt, dann sieht der Lebenszyklus ungefähr folgendermaßen aus. Man öffnet den Karton, zieht das Papierknäuel aus den Schuhen, schneidet die 26 verschiedenen Papier- und Pappschildchen ab, fädelt die Schnürsenkel ein und los geht’s. Schon der erste Schritt in neuen Sneakers ist wirklich bequem, verrückte Dämpfungssysteme vermitteln einem das Gefühl, dass man auf Wolken laufen würde. Das perfekte Weiß der Sohle wird von verschiedenen Farbakzenten auf dem Obermaterial begleitet, die herrlich leuchten und verdammt cool aussehen. Nach ein paar Wochen zeichnen sich erste Tragespuren ab, ein bis vier Regenschauer durchweichen das Mesh-Gewebe. Für eine kurze Zeit bekommt der Turnschuh das, was man als Charakter bezeichnen könnte und dann mag man ihn zwar noch immer, aber irgendwie lässt die Liebe ein bisschen nach und dann dauert es auch nicht mehr lange, bis man ein neues Paar Sneakers in sein Leben holt.

Mit einem guten Paar Schuhe ist das ein bisschen anders. Wirklich gute Schuhe brauchen viel Aufmerksamkeit und oftmals auch ein kleines bisschen Leidenswillen in den ersten Tagen oder Wochen. Das ist es am Ende allerdings wert. Entscheidet man sich dafür handgefertigte Schuhe zu kaufen, die man jederzeit neu besohlen kann, die mit jedem Tragen besser werden, dann beginnt das Erlebnis des Einkaufs schon ganz anders. In einem guten Fachgeschäft wird zuerst der Fuß vermessen, denn die wenigsten Menschen haben zwei gleich große Füße und es hilft dem Verkäufer bei der Beratung zum richtigen Modell. Nimmt man die Schuhe erstmals aus dem Karton, erfüllt der markante Duft des Leders den Raum. Der Fuß gleitet in den Schuh, das Leder knirscht noch ein wenig, es fühlt sich steif und ein bisschen ungewohnt an. Jetzt dauert es, je nach Lederstärke und Schuhform, ein paar Tage oder Wochen, bis die Schuhe eingetragen sind. Das Fußbett nimmt seine Form an, erste Gehfalten ziehen sich über die Spitze und es fühlt sich mit jedem Schritt angenehmer an. Der erste Regenguss, der unvermeidliche Schmutz der Straße – alles kein Problem. Mit einem Drink und guter Schuhpflege setzt man sich in die Küche und beginnt mit der Arbeit.

Die Pflege der Schuhe wird schnell zum Ritual, das man genießt. Es fühlt sich gut an, diesem teuren Produkt Ehrerbietung und Respekt entgegen zu bringen. Der Duft des Leders vermischt mit dem des Wachses, das gleichmäßige Geräusch der Borsten auf dem Leder beruhigt auf angenehme Weise, die Verwandlung der Oberfläche von stumpf zu seidig glänzend sorgt für ein zufriedenes Lächeln und man beendet diese Arbeit mit dem Wissen, dass der Schuhmacher, aus dessen Händen dieses Paar stammt, diese Aufmerksamkeit zu schätzen weiß.

Man kann dieses Erlebnis aber auch noch ein weiteres Mal krönen, nämlich dann, wenn man sich für ein Paar maßgefertigter Schuhe entscheidet – perfekt auf die eigenen Füße zugeschnitten. An dieser Stelle muss man noch einmal deutlich mehr Geld in die Hand nehmen, aber man weiß vom ersten Augenblick an, dass dies mit Sicherheit das günstigste Paar Schuhe wird, das man jemals gekauft haben wird.

Mein günstigstes Paar Schuhe stammt übrigens aus der Werkstatt der Red Wing Shoes Company aus Minnesota und trägt die wenig klangvolle Bezeichnung Classic Moc Style No. 8138. Die weiche Traction Tred Sohle ist auf dem rauen Beton und Asphalt der Stadt nach ein paar Jahren verschlissen, aber das macht gar nichts. Denn man kann ordentlich hergestellte und für ein ganzes Leben gemachte Schuhe einfach neu besohlen lassen und dann hat man wieder ein paar gemeinsame Jahre mit hunderten von Kilometern vor sich. Ich habe mittlerweile mehrere solcher Schuhe – handgefertigt, traditionell verarbeitet und aus den besten Materialien hergestellt. Von meinen 8138 komme ich nicht los, sie haben mich in eine Welt getragen, die eines echten Mannes würdig ist.

Es ist zweifellos eine echte Investition, vor allem wenn man sich das erste Mal für ein gutes Paar Schuhe entscheidet nagen manchmal noch die Zweifel, ob es das auch wirklich wert ist. Diese Frage stellt sich aber schon nach kürzester Zeit nicht mehr. Man wird sehr schnell zum Verfechter dieser Entscheidung und so beginnt oftmals eine Beziehung für den Rest des Lebens. Das ist es doch, was man als Mann wirklich möchte.

Text: Kai van Heldth
Foto: Moritz Thau für Heldth