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Almost Fourty – Muss das Licht wirklich so laut sein?

Woher kommt dieses hämmernde Geräusch? Monoton schlagen immer und immer wieder zwei Gegenstände aufeinander, als würde sich da draußen jemand als Hufschmied versuchen. Leise knackend lassen sich die Augenlider langsam voneinander trennen und sofort zerfrisst gleißendes Licht die Fensterscheiben und direkt danach die Netzhaut. Seit wann ist Licht eigentlich so laut? Es fühlt sich an, als würde der auf das doppelte Volumen angeschwollene Kopf gleich mit einem matschigen Geräusch zerplatzen. Irgendwie ist das alles gar nicht gut, kein bisschen. Vielleicht war die letzte Nacht doch ein bisschen zu heftig.

Gefühlt war es erst letzten Monat, als es noch kein Problem war bis 5 Uhr morgens in einer Bar zu sitzen und den grandiosen Bartender alle Experimente mit seinen Spirituosen machen zu lassen, die ihm so einfielen. Nach der letzten Runde kurz mal in ein Taxi stolpern, nach Hause fahren und ab ins Bett. Gegen 10 Uhr bin ich meist aufgewacht, hatte mit etwas Glück noch immer diesen würzigen Whiskygeschmack im Mund und nach zwei Espressi, einem großen Glas Orangensaft und einem ordentlichen Frühstück fühlte sich der Körper beinahe unbeschadet an. Wo ist diese Superkraft denn bitte geblieben?

Der Geschmack in meinem Mund erinnert eher an einen vor drei Wochen verstorbenen Goldfisch. Aber Goldfische haben kein Fell und genau das kann ich aber genau spüren. Langsam ist das Licht nicht mehr ganz so laut, aber dieser Hufschmied da draußen ist wirklich eine Plage. Der erste Versuch eine Dusche zu nehmen scheitert daran, dass auch das Wasser über Nacht eine unerträgliche Lautstärke benommen hat. Irgendwo müssen doch noch ein paar Aspirin liegen.

Die Tabletten mit der Acetylsalicylsäure rutschen vorsichtig an dem toten Goldfisch vorbei und das Glas Wasser fühlt sich so an, als würde man die Vergaser eine mächtigen V8-Motors mit feinstem Benzin fluten. Jetzt funktioniert das mit der Dusche auch so halbwegs, zumindest wenn das Licht im Bad ausgeschaltet bleibt. Wie viele Drinks waren das gestern eigentlich? Älter zu werden hat wirklich viel mehr Vor- als Nachteile. Die Sache mit dem Kater ist jedoch definitiv auf der Negativliste. Vor zehn oder fünfzehn Jahren war das alles noch ganz easy, wenn ich mir jetzt einen Hangover einfange, dann bereue ich das für stramme drei Tage am Stück. Circa.

Dieses hämmernde Geräusch wird auch langsam leiser, die Vermutung, dass es eventuell doch kein Nachbar ist, der das zu verantworten hat, liegt nahe. Der alternde Körper rächt sich mittlerweile für jeden einzelnen Exzess auf eine Weise, die man durchaus als nachtragend bezeichnen könnte. Mit einem flauen Gefühl im Magen quäle ich mich in ein paar Klamotten und mache mich auf den Weg zur ultimativen Rettung meines Zustands. Ein ordentliches Croque Madame wird alles retten, auch wenn das gefühlt die letzten 14 Tage Training zunichte machen wird. Der Körper fordert jetzt eine adäquate Lösung.

Mit der Sonnenbrille auf der Nase flüstere ich der Kellnerin meine Bestellung zu, ihr Blick ist sich irgendwo zwischen Mitleid und Hohn einzusortieren. Völlig zu Recht. Ehe das Essen auf dem Tisch steht habe ich den zwei doppelte Espressi weggeatmet, die Acetylsalicylsäure tut ihr übriges, um mein Leben zu retten.

Die Wahrheit müsste eigentlich nicht wirklich so weh tun, der Körper hat mit zunehmendem Alter halt nunmal deutlich mehr zu arbeiten, wenn es um den Stoffwechsel geht. Exzessive Gelage fordern also schnell ihren Tribut und man sollte sich wirklich gut überlegen, ob es das auch wert ist. Ich bevorzuge meine Drinks lieber in einer entsprechend hohen Qualität, das gilt nicht nur für Cocktails und Longdrinks, sondern auch für Wein und Bier. Dann tut es auch deutlich weniger davon, es muss nämlich längst kein unkontrollierter Absturz mehr sein, um am Montag sagen zu können, dass das Wochenende großartig war. Zumal das auch irgendwie unglaubwürdig ist, wenn man das erste Meeting der Arbeitswoche mit Sonnenbrille aufsucht und die Kollegen freundlich, aber äußerst bestimmt darum bittet, doch nicht so laut mit dem Löffel im Kaffee zu rühren.

Text: Kai van Heldth
Foto: Moritz Thau für Heldth