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Almost Fourty – Guten Geschmack kann man eben doch kaufen

Der Volksmund sagt, Geschmack kann man nicht kaufen. Aber man kann Geschmack lernen. Wohlgemerkt, wir sprechen hier vom Geschmack als Sinneseindruck, also dem multimodalen Zusammenspiel von Geruchssinn und Geschmackssinn, begleitet von Randeindrücken durch Tastsinn, Temperatur- und Schmerzempfinden. Es sind vornehmlich Aromen, welche vom Geruchssinn wahrgenommen werden, die die Wahrnehmung des Geschmack einer Speise oder eines Getränks bestimmen. Und eben diese Wahrnehmung kann man trainieren.

Beginnen wir mit einer Pauschalisierung. Im Kindesalter fliegen wir auf Süßigkeiten und lassen unsere Geschmacksnerven in tonnenweise Zucker ertrinken. Dazu gesellt sich in den Folgejahren Junkfood in jeglichen Ausprägungen, vollgestopft mit künstlichen Aromen, Geschmacksverstärkern und vielen anderen fragwürdigen Zutaten. Meistens wird das auch in den Zwanzigern nicht viel besser, denn gute Lebensmittel kosten halt auch gutes Geld. Das ist aber gerade zu Beginn des Erwachsenendaseins meist knapp. So bekommt der Körper zwar immer ausreichend Nahrung, aber gezieltes Schmecken verlernen wir dabei glücklicherweise. Denn all diese Kunststofflebensmittel möchte man letztendlich auch nicht wirklich geschmacklich in aller Breite erleben müssen.

Irgendwann erreichen die meisten von uns einen Punkt, an dem sich eine kulinarische Präferenz entwickelt. Sorgsam zubereiteter Kaffee, edler Whisky mit und ohne E, erlesene Wein, von Hand massiertes Fleisch, feine Zigarren, fantastische Schokolade – es gibt unzählige Möglichkeiten, persönliche geschmackliche Vorlieben zu entwickeln. Für jede Richtung gibt es wiederum eine große Bandbreite an Geschmackserlebnissen, in denen man sich verlieren kann. Und für jede dieser Richtungen gibt es eine Menge großartiger Experten, die einem bereitwillig den richtigen Weg weisen, um den eigenen Geschmackssinn zu schulen und die persönlichen Präferenzen zu erkunden.

Wie erkennt man eigentlich die Noten von roten Beeren und Wildhonig? Wie schmeckt Eichenholz und wie lässt sich Wildhonig von Karamell unterscheiden? Wir können sehr viele Geschmacksnuancen erkennen und unterscheiden, es bedarf meist nur entsprechender Wegweiser zu Beginn der eigenen Feinschmeckerkarriere.

Es gibt Tasting Experiences, Seminare und Verkostungen in denen man von entsprechenden Experten die nötigen Fingerzeige bekommt, um aus den verkümmerten Geschmacksknospen wieder alles rauszuholen, bis man mit nur einem Schluck oder einem Bissen erkennen kann, unter welchen meteorologischen Bedingungen und mit welcher geographischen Lage der Herstellungsprozess jenes Lebensmittels eingeleitet wurde. Okay, man muss nicht nach einer solchen Perfektion streben, tatsächlich würde das bedeuten, dass man bisher den falschen Job hatte und dringend in die Lebensmittelbranche wechseln sollte. Aber es ist ein überaus befriedigendes Erlebnis, wenn man plötzlich die Unterschiede zwischen scheinbar ähnlichen Produkten erschmecken kann. Und allein dafür lohnt es sich, wenn man solche Möglichkeiten der Schulung auch wirklich nutzt.

Aber Vorsicht, daraus resultiert oftmals eine wahre Leidenschaft für guten Geschmack, die durchaus finanziellen Einsatz mit sich bringen können. Aber letztendlich gehört das zu den vielen Spielplätzen, die das Erwachsenenleben für einen bereit hält und dann ist es absolut legitim, wenn man viel Geld für leicht verstaubte Flaschen mit goldschimmerndem Scotch ausgibt, sich im tiefdunklen Grün 40 Jahre alter Weinflaschen verliert, eine chromblitzende Kaffeemaschine im Gegenwert eines Gebrauchtwagens in der Küche stehen hat oder plötzlich die Anschaffung eines Fleisch-Reifeschranks in Erwägung zieht.

Deshalb muss man ja nicht gleich behaupten, dass Essen der Sex des Alters ist. Zum einen, weil dann die guten Drinks auf der Strecke blieben. Und vor allem, weil Sex der Sex des Alters ist. Aber dazu kommen wir sicherlich ein anderes Mal.

Text: Kai van Heldth
Foto: Teymur Madjderey für Heldth