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Almost Fourty – Der Glanz der Erinnerungen

Irgendwann passiert es von ganz allein, mitten in einem Gespräch, in dem Erinnerungen gewälzt und Erfahrungen ausgetauscht werden, fällt plötzlich dieser eine Satz. Früher war alles besser. Vielleicht ist es genau dieser Satz, mit dem man plötzlich beginnt zu altern. Könnte ja sein, schließlich gehört er von nun an zum festen Repertoire bei dieser Art von Gesprächen, selbst wenn er tatsächlich nur als Subtext durch den Raum schwebt.

Früher war alles besser. Musik war noch handgemacht, Autos wurden aus richtigem Blech gebaut und natürlich waren sie auch keine fahrenden Computer, Kleidung hielt jahrzehntelang, Häuser wurden noch Stein auf Stein gemauert, die Umwelt war längst nicht so tiefgreifend zerstört und statt alle zwölf Minuten ins Smartphone zu gucken, hat man sich einfach miteinander unterhalten.

Mit solchen klischeebehafteten Aussagen wird die Vergangenheit glorifiziert und ein bisschen fühlt es sich dabei so an, als wäre man bei etwas sehr wichtigem live dabei gewesen. Das kann die Jugend von heute ja schließlich gar nicht mehr verstehen. Und was die alles gar nicht mehr kennen – Telefone mit Wählscheiben, Disketten im 5,25“ Format, Autofahren ohne ABS und ESP, ja sogar ohne Gurte, es gab Schulunterricht an Samstagen, das Internet war nicht nur langsam, es war noch gar nicht erfunden und wenn man sich mit jemandem verabredet hatte, musst man den Termin einhalten, weil man nicht achtzehn Minuten vorher per Mobiltelefon absagen konnte.

Früher war gar nicht alles besser. Es gab auch furchtbare Musik und wenn man diese miterlebt hat, dann ist man sich dieses Umstands unglücklicherweise auch gewahr. Sie hat die Zeit halt nicht überdauert und so sind es nur die echten Hits, die wir bis in die Gegenwart mitnehmen. Autos hatten zweifellos einen ganz anderen Charme, aber sie waren durch noch längst nicht erfundene Sicherheitsausstattungen eben auch viel gefährlicher, wenn es wirklich hart auf hart kam. Und es ist gar nicht verwerflich, dass wir den aufregenden Formen der Klassiker verfallen sind. Die weniger schönen, und einfacher konstruierten Automobile von einst haben, oft völlig zu Recht, die Zeit nicht überlebt und so gibt es nur eine Handvoll, die aufgrund ihrer Seltenheit begehrenswert wird. Kleidung war, je länger wir zurück blicken, weniger schnell wechselnden Modetrends unterworfen und ja, sie war von besserer Qualität, aber eben auch genau deshalb, weil sie nicht nach fünf Monaten völlig aus der Mode kam. Die Möglichkeiten, die durch moderne Baumaterialien und -weisen, in der zeitgenössischen Architektur stecken, sind bemerkenswert und auch hier gilt, bei entsprechender Sorgfalt, Pflege und Sanierungsbereitschaft, werden jene Gebäude, die ein Mindestmaß an Gestaltung erfahren haben, auch zukünftige Generationen beherbergen. Die Umwelt war damals™ nicht so tiefgreifend zerstört, wie sie es heute ist. Es hat sich aber halt auch niemand mit diesem Thema beschäftigt und das haben wir nun in der Gegenwart und auch in der Zukunft auszubaden. Ins Smartphone hat früher niemand geguckt, aber der Mensch war immer in der Lage sich sozialen Interaktionen zu entziehen, wenn ihm der Sinn danach stand.

Es ist also eigentlich nur eine Frage des Blickwinkels, mit dem man auf die Vergangenheit blickt. Es liegt in der Natur des Menschen negative Erinnerungen aus dem persönlichen Fokus zu rücken und lieber nur die scheinbar hellen Momente des Lebens im Blick zu behalten. Vielleicht ist das auch ein wichtiger Punkt, um die eigene geistige Gesundheit nicht auf’s Spiel zu setzen. In jedem Fall ist es aber ein ganz natürlicher Prozess, schon allein deshalb, weil sich positive Erinnerungen nun einmal viel besser anfühlen. Nicht umsonst heisst es ja, dass die Zeit alle Wunden heilt.

Das Leben hält immer Licht- und Schattenseiten für einen bereit, es liegt aber nur bei einem selbst, welcher Seite man mehr Spielraum lässt. Das ist also fast so wie bei den Jedi und den Sith, nur halt ohne die verdammt coolen Laserschwerter. Erinnerungen lassen sich immer auch ein wenig glorifizieren, vor allem natürlich die guten. So wird es auf immer und ewig so bleiben, dass früher alles besser war. Im Grunde genommen ist das auch gar nicht so schlimm, so lange man nicht vergisst, dass die Gegenwart auch irgendwann zu diesem Früher wird und wenn dann noch immer alles besser war, hat man vielleicht gar nicht so viel verkehrt gemacht.

Text: Kai van Heldth
Foto: Tim Adler für Heldth