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Almost Fourty – Die Relevanz eines Stoffstreifens

Der Krawatte und ihrem Träger werden viele Dinge nachgesagt, überwiegend negativ geprägte wohlgemerkt. Und so hat dieses Accessoire, völlig zu Unrecht, einen ziemlich schlechten Ruf angehängt bekommen. Krawattenträger gelten gern als spießig, konform und langweilig. Der Schlips selbst bekommt schnell mal den Status eines Phallussymbols verpasst und die Vielzahl wirklich abscheulicher Krawatten in Ladenregalen und um Hälse geschlungen legt nahe, dass eine Art gesellschaftliche Hassliebe zu diesem Stück Stoff existiert.

Als mit 15 meinen Tanzstundenabschlussball anstand, schien es notwendig, dass ich eine Krawatte trage. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich damit konfrontiert wurde. Selbstverständlich hatte ich ein wirklich scheußliches Stück ausgesucht. Nicht weil ich provozieren wollte, sondern weil mir einfach jegliches Verständnis fehlte. Mintgrüne Kunstfaser, die den Anschein von Seide erwecken sollte, war nicht genug; es prangte ein großer Bugs Bunny auf diesem edlen Stück und obwohl ich diesen Schlips selbst ausgesucht hatte, beschloss ich, dass der Rest meines Lebens ohne Krawatte stattfinden sollte. Für immer ohne, so sollte meine Devise ab diesem Abend lauten. Ich fand Krawatten spießig, hässlich und völlig unnötig.

Das Wort Schlips kann man nur so aussprechen, dass es immer ein wenig verächtlich klingt. Wenn man keinen Hehl aus der persönlichen Abneigung machen möchte, kann man auch auf den Begriff Kulturstrick zurückgreifen. Im Grunde erweckt man dann aber nicht den gewünschten Eindruck, besonders nonkonform zu sein, vielmehr stellt man damit unter Beweis, dass man durch fehlende Klasse glänzt. Denn es gibt nun einmal Krawatten und Krawatten. Edel aussehende, aus tollen Stoffen gefaltete und von gutem Geschmack zeugende Binder stehen billig aussehenden Lappen mit fragwürdigen Mustern und meist auch fragwürdig aussehenden Trägern gegenüber. Im Grunde ist das so, als ob man einen Rolls-Royce Wraith mit einem Dacia Logan vergleicht. Und wer bitte macht das?

Ich habe mein Vorhaben, ohne Schlips durchs Leben zu kommen, sehr lange durchgehalten. Meine Zeit in der Werbung war immer von der wunderbaren Entschuldigung geprägt, dass man als Kreativer ja auch ohne diesen Stoffstreifen auskommt. Beinahe war es so, dass man beinahe gar nicht als kreativ gelten konnte, wenn man sich eine Krawatte um den Hals gebunden hätte. Nicht auszudenken.

Wenn man einmal damit anfängt, sich dieses Themas in der breiten Öffentlichkeit anzunähern, dann bekommt man einen perfekten Teufelskreis zu sehen. Der Großteil der Krawattenträger beweist nicht nur fehlenden Geschmack bei der Wahl des Accessoires, sondern unterstreicht sein persönliches Desinteresse an diesem Thema auch durch schlecht sitzende Krawattenknoten und unmögliche Varianten bei der Länge des Stoffstreifens. Das wiederum führt dazu, dass die Krawatte als lästiges Übel, unnötiger Schnickschnack und hässliches Ding wahrgenommen wird,. Darauf basierend, kaufen Menschen dann auch weiterhin furchtbare Krawatten, die sich dann auch aberwitzige und unmögliche Weise tragen. Und so wiederholt sich das Spiel immer und immer wieder.

Heute trage ich wahnsinnig gern Krawatten. Nicht nur zu einem gut sitzenden Anzug, sondern selbst zu Kleidung, die deutlich in Richtung Casual Look geht. Es kommt einfach darauf an, das richtige Modell für das entsprechende Outfit zu wählen. Dann wird man übrigens meist auch nicht als Schlipsträger oder Businesskasper wahrgenommen. Stattdessen bekommt man, auch als Mann, schnell mal Komplimente von Fremden, weil man halt unter Beweis gestellt hat, das Anziehen kein Glücksspiel sein muss.

Dinge die man übrigens vermeiden sollte, sind, neben abenteuerlichen Mustern, Drucken und Materialien, übertriebene Krawattenknoten. Durchs Internet geistern verschiedenste Kreationen, die den Eindruck vermitteln, dass man besonders kreativ und fancy wäre. In Wirklichkeit ist man mit ein paar klassischen Varianten für jede Situation, jede Krawattenbreite und jeden Kragentypen gewappnet. Wenn man wirklich leger unterwegs sein möchte, lässt man die Krawatte einfach weg und wenn es besonders festlich sein soll, sollte man besser wissen, wie man eine Fliege bindet. Dazwischen ist jede Menge Platz für wirklich gut aussehende Binder. Es gibt eine Menge wirklich toller Manufakturen und Familienbetriebe, die sich mit diesem Thema ganz hervorragend auskennen. Es ist wie in allen anderen Bereichen des Lebens auch, Qualität hat ihren Preis, aber das ist es nun mal auch wert. Schließlich will man ja keiner dieser belanglosen Schlipsträger sein.

Text: Kai van Heldth
Foto: Toni Passig für Heldth