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Wiedervorlage: Bryan Adams MTV unplugged

Mittlerweile darf ja jeder mal ran. Früher war das nicht so. Also auch wenn früher nicht alles besser war – die Alben, die den Stempel „MTV unplugged“ trugen, waren es. So auch das 1997 veröffentlichte Unplugged-Album von Bryan Adams, das egal an welchen Maßstäben gemessen, auch heute noch so unfassbar gut ist, dass es in keinem Haushalt fehlen sollte.

Was das für Menschen waren, die damals Bryan Adams gehört haben – darüber kann man heute nur noch mutmaßen. Junge Eltern vielleicht, deren letzter Versuch des Aufbäumens eben die Adamsche Rockmusik sein sollte. Oder die Stillen jeder Schulklasse, die nirgends richtig dazu gehörten und Adams für das Höchstmaß an Aufmüpfigkeit hielten, das das Rockgenre gerade so für sie parat hielt. Oder überhaupt jene Hörerschaft, die er seit Anfang der 80er – als Adams’ Karriere rasant an Tempo gewann – für sich und seine im Kern sehr simplen Rocksongs begeistern konnte.

Mitte der 90er jedenfalls war Bryan Adams ein gefragter Mann. Er hatte Filmhits komponiert, die sich ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation brannten. Ob für „Robin Hood – König der Diebe“, „Die drei Musketiere“ oder „Don Juan DeMarco“ – immer traf die sanfte Reibeisenstimme den Ton der Zeit. Das hatte 1997 auch der mittlerweile nicht mehr wirklich existente, aber in den digitalen Zeiten der Gegenwart noch immer vor sich hin röchelnde Musikkanal MTV erkannt. Adams wurde die damals noch seltene Ehre zu Teil, seine Lieblingssongs in einer besonderen Atmosphäre, reduziert und akustisch zu performen. Bis heute ist das dazugehörige Album das meistverkaufte Live-Album in der Adams-Diskografie und mit Gold- und Platinauszeichnungen überhäuft.

Vielleicht liegt das auch schlichtweg daran, dass durch den Wegfall des ganzen Fake-Rock-Gehabes endlich der wahre Kern der 13 auf dem Album enthaltenen Songs zu Tage treten konnte. Ein smarter Rock-Gestus mit gehörigen Country- und Blues-Einschlägen zeichnet diese Neuinterpretationen aus. Adams klingt über 50 Minuten lang gelöst, singt mit Inbrunst, punktet mit Leidenschaft, wenn die Frauen in den ersten zehn Reihen in Ohnmacht fallen sollen und Zurückhaltung, wenn ein Song sie braucht.

Selten hat ein Album dieser MTV-Reihe von Anfang bis Ende so gut unterhalten. Erst so musiziert glaubt man dem Schwerenöter jeden Liebesschwur, kauft ihm jede bittere (wenn auch manchmal in zu simple Phrasen gedroschene) Vergangenheitsbewältigung ab und bemerkt erst viel zu spät, dass man längst jeden Song fehlerfrei mitsingen kann. Die Hitmaschine Adams hat sich mit seinem Unplugged Album ein Denkmal gesetzt, auf das der Kanadier mit besonderem Stolz blicken dürfte. Und womit? Mit Recht.

Text: Ronny Janke
Foto: A&M Records
Videos: YouTube