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Almost Fourty – Lieblingsjeans

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle darüber schreiben, wie rasant sich unsere Welt entwickelt, wie sich Trends in atemberaubendem Tempo gegenseitig überholen, wie neue Technologien sich gegenseitig auffressen und in kürzester Zeit zur Vergangenheit werden. Aber eigentlich geht es doch nur um meine Lieblingsjeans.

Natürlich habe ich mehr als eine Hose im Kleiderschrank. Aber es ist ganz egal wie übersichtlich oder wie umfangreich die eigene Garderobe ist, es gibt immer Lieblingsstücke und die sind dann nun einmal auch viel öfter im Einsatz als der Rest. Meine Lieblingsjeans ist von Edwin und sie begleitet mich mittlerweile seit etwas mehr als einem Jahr. Das klingt irgendwie gar nicht so wahnsinnig lange, wie es sich anfühlt.

Sie tritt in Kombination mit einfachen T-Shirts auf, sie funktioniert perfekt mit Hemd und Jackett, man kann Boots, Sneakers oder Oxfords dazu tragen. Ich war mit ihr in mindestens zehn verschiedenen Ländern, kletterte auf Berge, marschierte durch Wälder, saß mit ihr an Stränden und in vornehmen Restaurants. So ist es also auch kein Wunder, dass sie häufig getragen wird. Das hinterlässt nun mal auch entsprechende Spuren. Zu Beginn unserer Beziehung war sie eine Raw Denim Jeans, also aus ungewaschenem, tiefblauen Denim. Mittlerweile hat sie schon sehr viel von ihrem Indigoblau eingebüßt, man sieht genau in welcher Tasche ich mein Portemonnaie trage und dass ich sehr viel im sitzen arbeite. Bis vor ein paar Wochen plötzlich die ersten Ermüdungserscheinungen des Gewebes aufsuchten. Im Sattelbereich schimmerte es weiß und ehe ich es mich versah, begann die Fäden auch schon zu reißen. Mir blieben genau drei Möglichkeiten mit dieser unerwarteten Situation umzugehen.

Die einfachste Möglichkeit wäre es gewesen die Jeans auszusortieren. In einen Laden zu gehen und ein neues Paar zu erstehen. Die angebotenen Möglichkeiten sind zahlreich. Natürlich hätte ich mir einfach genau dieses Modell noch einmal kaufen können. Ich weiß schließlich, dass diese Hose passt, gut sitzt und für mich ganz hervorragend funktioniert. Oder ich könnte mir eine der zahllosen anderen Jeans kaufen, die der Markt hergibt. Unter den hunderten von Marken, Modellen und Waschungen wäre ganz gewiss etwas zu finden gewesen, mit dem die kommenden Monate mindestens genau so gut zu verbringen wären, wie mit meiner geliebten Edwin Jeans.

Da es derzeit angesagt ist, Jeans mit zerrissenen Knien zu tragen, hätte ich als zweite Möglichkeit einfach versuchen können, Jeans mit zerrissenem Schritt zum Trend zu ernennen. Aber so richtig überzeugt war ich von dieser Idee letztendlich nicht. Es mag an heißen Sommertagen eine verlockend klingende Option sein, wenn ein kühlender Lufthauch durch die Beine streicht. Ganzjährig betrachtet fühlte sich das aber doch nicht wie eine wirklich überzeugende Idee an.

Die dritte Möglichkeit ist im Grunde genommen die naheliegendste und doch macht das heute kaum noch jemand. Ich habe meine Jeans nämlich einfach fachmännisch reparieren lassen. Ein paar E-Mails und Telefonate mit den richtigen Leuten und schon bekam ich einen Kontakt, der sich mit dem nötigen Verständnis der Materie um das Problem kümmern würde. Für 20 Euro bekam die Sattelpartie meiner Hose eine neue Einlage aus Denim und ein paar gezielte Nähte später war von den beiden Rissen so gut wie nichts mehr zu sehen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass diese Stelle in absehbarer Zeit wieder kaputt gehen wird. Und so ist die reparierte Hose längst wieder im Einsatz und lässt sich bereitwillig mit verschiedensten Kleidungsstücken und Accessoires kombinieren, als wäre nie etwas gewesen.

Früher war die Reparatur von Kleidungsstücken eine Selbstverständlichkeit. Mehr oder weniger fachmännisch flickten unsere Mütter, Tanten und Omas die Kleidung immer und immer wieder. Schließlich waren gute Sachen teuer. In der Gegenwart regiert der Konsum und kaum jemand stopft mehr Löcher in Socken, näht neue Knöpfe an Hemden oder flickt Löcher in Hosen und Jacken. Eigentlich ist das eine Entwicklung, die sehr schade ist. Billigware aus fragwürdigen Produktionsumständen bekommt so eine entsprechende Daseinsberechtigung. Warum sollte man etwas reparieren, wenn eine Neuanschaffung doch allerhöchsten nur unwesentlich mehr kostet? Aber auch Produkte aus anständigen Herstellungsprozessen bekommen viel zu selten eine Chance auf ein zweites oder drittes Leben. Wir haben schließlich gelernt, dass man doch jederzeit beinahe alles auch einfach neu kaufen kann.

Selbstverständlich besitze ich ebenfalls Kleidung, bei der eine Reparatur tatsächlich unsinnig wäre. Aber ich habe eben auch eine ganze Menge Dinge im Kleiderschrank, die mich seit vielen Jahren begleiten. Und wenn man deren Lebenszyklus mit so einem überschaubaren finanziellen Einsatz locker verdoppeln kann, dann fühlt sich das irgendwie gut und richtig an. Die Lieblingsjeans muss ja nicht zum Familienerbstück erkoren werden, aber wenn man mal ehrlich ist, dann ist ein Jahr Lebensdauer halt auch viel zu wenig für eine Jeans. Zum Glück haben wir ja jetzt noch einmal eine zweite Chance bekommen.

Text: Kai van Heldth
Foto: Heldth