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Almost Fourty – In Würde altern

Es gibt Dinge, die werden mit steigendem Alter immer besser, und dabei meist auch noch wertvoller. Das gilt zum Beispiel für guten Wein, edlen Whisky, die hinreißenden Sportwagen von Porsche oder die schweren Motorräder von Harley-Davidson. Es gibt wunderbare Produkte, die bekommen über die Jahre eine einzigartige Patina, sie werden zu einem Teil des eigenen Lebens und vielleicht werden sie sogar irgendwann zum Erbstück, das an die nächste Generation weitergegeben wird. Das kann eine lederne Aktentasche sein, ein hochwertiger Füllhalter, ein handgeschmiedetes Taschenmesser, dieser fantastische alte Schreibtisch oder eine tolle Armbanduhr.

Unglücklicherweise gibt es aber auch Dinge, die sind nur für den Moment gemacht. Die können nicht in Würde altern, weil sie innerhalb kürzester Zeit überholt sind, sei es stilistisch oder technisch. Diese Dinge schaffen es innerhalb kürzester Zeit einen beliebigen Status zwischen albern und unnötig einzunehmen. Erschreckenderweise sind unsere Leben viel zu sehr mit solchen Dingen vollgestopft.

Bei manchen haben wir keinen ernsthaften Einfluss darauf. So werden sich unsere Enkel vermutlich nicht für die aktuellste Generation an Smartphones interessieren, die wir sentimental alle zwei Jahre in einer Schreibtischschublade sammeln. In zehn oder zwanzig Jahren sind die Dinger ungefähr so relevant und bewundernswert, wie Karbidlampen heute. Oder modische Strömungen – die leben zwar auch von regelmäßigen Revivals und Wiederholungen, trotzdem wird es nur sehr wenige Stücke im eigenen Kleiderschrank geben, die in ein paar Jahrzehnten noch eine entsprechende Relevanz haben oder gar begehrenswert sind. Auch wenn die Sneakersammler da inständig auf eine gegenteilige Entwicklung hoffen. Und dann sind da noch Produkte, die aufgrund ihres eigenen Seins nicht würdevoll altern können. So ein Billy Regal ist in gewisser Weise ein Klassiker, trotzdem sind die Modelle von 1978 heute eher selten anzutreffen, denn die billige kostengünstige Produktionsweise macht es beinahe unmöglich, dass so ein Billy Regal mehr als zwei Umzüge inklusive Auf- und Abbau schadlos übersteht.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf einem de Sede Sofa aus den späten 70er Jahren. Einst hat dieser Zweieinhalbsitzer ein kleines Vermögen gekostet,. Die Polstermöbel des Schweizer Unternehmens sind ja auch heute noch keine Schnäppchen. Stilistisch steht dieses Stück auch heute noch wunderbar zeitlos da und man kann darauf ganz hervorragend sitzen und einschlafen. Direkt davor steht ein großes Sideboard mit rötlichbraun schimmerndem Furnier aus Palisanderholz. Seine geradlinige Formensprache und gute Pflege sind der Grund dafür, warum dieses Möbel aus den 60er Jahren auch heute noch immer eine hervorragende Figur macht.

Hätten wir nur solche Dinge um uns herum, die uns für den Rest unseres Lebens begleiten, wäre die Industrialisierung der Welt nicht so weit fortgeschritten. Wir würden nahezu alles nur einmal im Leben anschaffen und den vielen großen Marken da draußen das Leben wirklich schwer machen. Selbstverständlich kann man versuchen sein Leben genau so aufzubauen, aber ich persönlich finde die Mischung eigentlich viel reizvoller.

Neben dem Sideboard steht ein Audiosystem von Sonos, vor gar nicht so langer Zeit wurde das Design des Spitzenmodells überarbeitet und es wird nicht mehr sehr lange dauern, bis auch mein Modell alt aussehen wird. Solange es funktioniert, ist mir das herzlich egal, aber irgendwann wird der Tag kommen, an dem es ersetzt werden muss und dann nehme ich eben genau das, was es dann aktuell auf dem Markt gibt. Vielleicht gönne ich mir ein kleines Upgrade, aber auch dieses Produkt wird dann „nur“ eine gewisse Zeit in meinem Leben verweilen. Das Hemd, das ich gerade trage ist dann vielleicht längst ausrangiert. Nicht, weil es dann ein modischer Fauxpas wäre, sondern weil die Nähte irgendwann aufgegeben haben oder andere Unzulänglichkeiten dazu führten. Vermutlich sitze ich dann aber noch immer auf dem de Sede Sofa aus den 70ern und vielleicht ist es dann ja, genau wie ich, schon näher an seinem 50. Jubiläum als an der Vierzig.

Die Frage ist nur, ob ich es auch schaffen werde auf eine gute Weise zu altern. Irgendwann werden meine Haare komplett grau geworden sein und vielleicht auch ein wenig lichter, wobei letzteres dank großartiger Gene vielleicht doch nicht zu befürchten sein wird. Es ist dann wohl auch ganz okay, wenn ich einen kleinen Wohlstandsbauch mit mir umher trage. Die Tätowierungen sind dann blasser geworden. Ohne Brille wird es wohl gar nicht mehr gehen, etwas klar zu erkennen. Aber wenn ich im großen und ganzen noch als ich erkennbar bin, werde ich mich nicht beschweren. Mir ist es dann nämlich besser ergangen als meinem aktuellen iPhone oder den bunten Sneakers im Schuhregal, ich bin dann in Würde gealtert.

Text: Kai van Heldth
Foto: Heldth