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Almost Fourty – Ein Mann mit Macken

Machen wir uns nichts vor, je älter man wird, umso mehr Macken bekommt man. Ich meine eben jene kleine Spinnereien und mittelgroße Angewohnheiten, die einem das Gefühl von Sicherheit geben und vielleicht auf guten oder schlechten Erfahrungen im Leben basieren. Vor allem wenn man sein Leben mit anderen teilt, sind es genau diese Macken, die über Erfolg oder Misserfolg des gemeinsamen Umgangs entscheiden. Zugegeben, die meisten dieser Angewohnheiten sind eher drollig und harmlos, prallen sie jedoch mit dem genauen Gegenteil zusammen, sät und erntet man schnell Unverständnis dafür.

Über die Jahre legt man sich ein beachtliches Repertoire an Gewohnheiten zu, die sich nur selten einfach so abstellen lassen. Muss man ja auch gar nicht. Man selbst fühlt sich mit diesen Angewohnheiten ja absolut wohl. Der engste Kreis kennt sie und schaut entweder großzügig darüber hinweg, goutiert sie oder bemerkt sie vielleicht nicht einmal, weil sie sich mit den eigenen Angewohnheiten decken. Kommen jedoch neue Menschen ins Leben, dann kann es schon mal knirschen. Und mit jedem weiteren Lebensjahr hat man sich ganz unauffällig noch zwei weitere Marotten zugelegt, die es neuen Kontakten nicht immer leicht machen. Und das gilt selbstverständlich auch für einen selbst, denn man muss sich ja ebenfalls mit den Angewohnheiten anderer auseinandersetzen, ob man will oder nicht.

An dieser Stelle müsste ich nun vermutlich mit meinen eigenen Marotten, Angewohnheiten und Macken um die Ecke kommen, aber genau hier liegt das Problem. Die meisten bemerkt man selbst ja überhaupt erst, wenn sich ein Grund eröffnet, sich damit auseinander zu setzen. Dann gibt es noch eben jene Angewohnheiten, über die man vielleicht einfach nicht spricht, weil sie eine Spur zu privat sind oder weil sie im Grunde genommen nicht erwähnenswert sind. So wunderbar wie die Neurosen von Jack Nicholson als Melvin in „As Good as It Gets“ werden meine Marotten sowieso nie sein.

Ich drücke meine Zahnpastatube immer von hinten nach vorn aus. Es tut mir weh, wenn ich sehe, wie andere Menschen einfach irgendwo in der Mitte rumdrücken. Krönen lässt sich das, wenn man einfach den Deckel nicht wieder drauf macht. Mein Portemonnaie trage ich immer in der rechten vorderen Hosentasche, in der linken Hosentasche habe ich ein Taschentuch. Zum Glück ist mir egal, wie das andere handhaben, aber ich könnte das bei mir selbst vermutlich nur sehr schwer ändern. Ich denke sehr genau über die Socken nach, die ich morgens anziehe und wenn mir auf der Straße eine Person begegnet, die vielleicht sogar zwei nicht zueinander passende Socken trägt, dann möchte ich sie schütteln und fragen, was denn wohl nicht stimmt. Selbstverständlich klappe ich immer den Toilettendeckel runter, wenn ich mit meinem Geschäft fertig bin und ich bin durchaus verständnislos, wenn andere Menschen das nicht machen. Trotzdem überlebe ich dieses andere, mir fremde Verhalten natürlich ganz unbeschadet und ich stelle deshalb auch niemanden zur Rede.

Ich lasse gern leere Wasserflaschen in der Wohnung rumstehen. Meine Schlüssel hängen an fest definierten Haken im Flur. Ich mag es nicht schwarze Schuhe zu tragen. Ich kann nur in Ausnahmefällen mit Kleidung schlafen. Außer bei einer maßgeschneiderten Anzugshose, kann ich nicht auf Gürtel verzichten. Die kleinen roten Mitteilungs-Kreise an Apps zwingen mich zum handeln und ich kann sie nicht leiden. Das Radio in der Küche ist immer auf die gleiche Station gestellt und ich mache es lieber aus, als einen anderen Sender zu suchen, wenn mich das Programm nervt. Der Desktop meines Computers hat eine gewisse Ordnung, die ich ganz genau so haben möchte und wenn irgendwer an meinem Rechner arbeiten muss, dann hoffe ich immer, dass der Desktop unangetastet bleibt.

In den letzten 39 Jahren haben ich erfolgreich verschiedene Verhaltensmuster in meinem Leben etabliert und glücklicherweise scheinen nur die wenigsten wirklichen Einfluss auf meine Umwelt zu haben. Zumindest haben sich bisher nur selten mir nahestehende Menschen über meine Macken beschwert. Ich versuche jedoch auch nicht, meine eigenen Vorstellungen mit Zwang auf andere zu übertragen. Wie erwähnt, wird es mit zunehmendem Alter aber wirklich immer schwieriger, sich mit den Angewohnheiten anderer anzufreunden, wenn sie nicht den eigenen entsprechen. Noch schlimmer ist es nur, wenn man gar seine eigenen Angewohnheiten neu justieren müsste, um ein friedliches Miteinander zu arrangieren. Dann eventuell doch lieber die einsame Insel und eine Handvoll astreiner Marotten, die andere in den Wahnsinn treiben würden.

Letztendlich ist das aber vielleicht gar nicht so schlimm, zumindest solange es nicht um medizinische Fälle geht, bei denen doch besser ein Experte zu Rate gezogen werden sollte. Macken gehören zum Leben. Denn genau diese Angewohnheiten sind es, die zum Charakter gehören, sie wurden von ihm geschaffen und hinterlassen gleichermaßen ihre Spuren darin. Mit beinahe 40 Jahren kann man ruhig ein paar seltsame Marotten haben, schließlich ist das beinahe Halbzeit im Spiel des Lebens. Man muss das Ganze nur richtig verpacken, zum Beispiel als erworbene Spezialfähigkeiten, die können schließlich niemals verkehrt sein.

Text: Kai van Heldth
Foto: Tristar Pictures Inc.