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Almost Fourty – Auge in Auge mit der eigenen Spießigkeit

Jemandem Spießigkeit vorzuwerfen, ist für viele eine der härtesten Beleidigungen, die man aussprechen kann. Schließlich wollten wir doch immer alle rebellieren, anders sein als unsere Eltern und Großeltern, uns halt irgendwie ein Stück Rock ’n’ Roll im Leben bewahren. Aber um Himmels Willen wollten wir niemals spießig werden.

Spießigkeit hat viele Schattierungen und es liegt am Ende immer im Auge des Betrachters, was man als konform, angestaubt, steif, unglaublich uninspiriert und fad einsortiert. Der Dauerstellplatz auf dem Campingplatz, eine kleine Parzelle in der Kleingarten-Kolonie mit den obligatorischen Gartenzwergen, die Mitgliedschaft im Golfclub, der geleaste Mini-Van in geschmacksneutralem Silber, die alljährlichen 14-Tage All-inclusive auf der ruhigen Seite von Mallorca, das Streben nach dem Reihenendhaus im neu erschlossenen Vorort, ein Kleiderschrank voll beigefarbener Hosen und bunter Poloshirts – es gibt eine Menge solcher Stichpunkte, die von einem scheinbar langweiligen Leben ohne Ideen und frischen Wind zeugen. So ein Leben möchte ich auf keinen Fall führen.

Es gibt allerdings auch viele Kleinigkeiten im Alltag, die ein klares Zeichen von sogenannter Spießigkeit sind. Es sind doch immer die Spießer, die vor sich hin murmeln, wenn sie dämlich parkende oder fragwürdig fahrende Autos sehen, ohne dass sie wirklich direkt davon betroffen ist. Oder all die anderen Kleinigkeiten des Alltags, die diese Spießer ständig kommentieren, nur weil es nicht genau so läuft, wie sie das selbst machen würden. Gott, wie sehr das nervt. Haben die denn keine anderen Sorgen?

Vor zwanzig Jahren wollte ich Dinge anders machen. Lockerer sein und vor allem auf gar keinen Fall Spießer werden. Keine Ahnung wie das passieren konnte, aber verdammt, irgendwie bin ich doch ein Spießer. Zumindest ein bisschen und zumindest manchmal. Denn auch wenn ich keine Lust auf Dauercamping habe, mein Kleiderschrank mehr als beigefarbene Hosen und bunte Polos kann, ich noch nie länger als drei Tage auf Mallorca war und keinen silbernen Mini-Van fahre, ich erwische mich immer wieder dabei, dass ich das Verhalten anderer kommentiere und mein Blutdruck dabei steigt. Weil irgendein Idiot immer auf der Wiese vor dem Haus parkt, obwohl das kein Parkplatz ist. Weil andere Menschen ihre eigenen Ideen von Geschmack und Stil haben, die sich aber mit meinem ästhetischen Empfinden beißen. Weil junge Menschen nachts lärmend um die Häuser ziehen und offenbar spaß haben, während ich im Bett liege und verdammt noch mal schlafen möchte. Und wegen circa 832 anderer Gründe, die mir vor zwanzig Jahren vermutlich einfach egal gewesen wären.

Vielleicht ist das die Linie zwischen jugendlich und erwachsen. Vielleicht ist das ein ganz normaler Prozess im Leben, sehr vermutlich sogar. Denn aus meiner heutigen Perspektive fühlt sich die Spießigkeit, die ich selbst auslebe, gar nicht verkehrt an. Die Leute, die regelmäßig auf ihren Campingplatz fahren, einen kleinen Schrebergarten haben oder für ihre kleine Familie gleich einen silbernen Mini-Van leasen, die sind aber definitiv spießiger als ich. Und ich möchte bitte gar nicht erst ihre Sicht der Dinge hören, denn sonst erfahre ich vielleicht noch, dass sie mich heute auch eine Spur zu spießig finden.

Und ich schüttele übrigens auch meinen Kopf über Menschen, die in meinem Alter so liberal sind, dass ihnen wirklich beinahe alles egal ist und sie deshalb auf gar keinen Fall irgendwie spießig sind. Mit denen kann doch irgendetwas nicht stimmen, so ganz ohne Spießigkeit.

Text: Kai van Heldth
Foto: Moritz Thau für Heldth