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Almost Fourty – Bloß keinen Stress

Mit dem Thema Stress kann man ganze Bücher füllen und trotzdem gibt es dann noch immer neue Erkenntnisse zu den gesundheitlichen Auswirkungen, neue Techniken zur Bewältigung und neue Theorien zur Entstehung Vermeidung. Armeen von Forschern, Ärzten, Experten und Scharlatanen beschäftigen sich damit, denn es lässt sich auch ganz hervorragend Geld mit Stress verdienen. Schließlich hat ja niemand ein ernsthaftes Interesse daran, in Hektik zu versinken, den Kopf zu verlieren und mit rasendem Kreislauf zu kollabieren. Wobei Stress natürlich viele Abstufungen hat, die jeder auf seine Weise verarbeitet und bewertet.

In den noch nicht einmal ganz vierzig Jahren meines Lebens habe ich viele verschiedene Stresssituationen hinter mir und ich bin mir verdammt sicher, dass damit auch noch lange nicht Schluss ist. Ehe Heldth begann habe ich sechzehn Jahre in der Werbung gearbeitet und ich wette, dass einige meiner grauen Haare hier ihren Ursprung fanden. Seither ist der Stress ganz sicher nicht wirklich weniger geworden, aber er hat sich verändert. Vermutlich brauche kann ich dann mit „Almost Sixty“ noch einmal etwas dazu sagen, ob das jetzt wirklich besser war oder eigentlich nur schlechter geworden ist, aktuell fühlt es sich jedoch alles richtig an und immerhin basiert beinahe jede stressige Situation auf meinen eigenen Entscheidungen.

Ganz und gar entspannt geht es vermutlich nie, die Art und Weise verändert sich jedoch und, das ist noch viel wichtiger, der persönliche Umgang mit Stress wird über die Jahre ein anderer. Ich habe logischerweise kein Interesse daran in fünf Jahren meinem ersten Herzinfarkt im Lebenslauf zu vermerken, daher ist meine Sicht auf sehr viele, oftmals unnötig hektische Standardsituationen des Arbeitslebens etwas entspannter geworden.

Kopflose Hektik ist niemals eine wirksame Methode, und nur sehr wenige Momente des Alltags, egal ob beruflich oder privat, haben die Berechtigung mit rasendem Puls, rotierenden Gedanken und Schweißflecken auf dem Hemd gemeistert zu werden. Heute hängt ein viel größerer Teil meines persönlichen Glücks davon ab, ob ich meinen Job gut mache oder nicht, als zu Zeiten meiner Festanstellung. Trotzdem erlaube ich es mir regelmäßig, genau dann auf die Bremse zu treten und ein bis zwei Gänge zurückzuschalten.

Irgendwann dämmerte es mir, dass es mich nicht weiter bringt, wenn ich mich an die Hektik anderer Leute hänge und ebenfalls in Stress verfalle. Es gibt so gut wie keinen Grund, nach 22 Uhr geschäftliche E-Mails hin und her zu schicken. Man muss nicht wirklich zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar sein. Und wenn andere Parteien eines Projektes eine Deadline platzen lassen, kann man sich zwar bemühen, die Kohlen aus dem Feuer zu holen, aber man muss sich dabei nicht die Finger verbrennen.

Im Grunde ist das natürlich keine neue Erkenntnis, aber es ist eine, die früher oder später von jedem selbst gemacht wird. Im besten Falle sogar, ehe der Notarzt kommt, um einen Herzinfarkt zu diagnostizieren. Das gilt sowohl für berufliche als auch für private Themen, denn dem Stress ist es ziemlich egal, worum es gerade für einen selbst geht. Und ja, es gibt immer wieder gute Gründe, warum man doch von Situationen gestresst wird, ganz und gar kann man das nämlich nicht kontrollieren. Es sei denn, man hat eine gut eingestellte Medikation und bekommt so gut wie nichts mehr mit. Ist aber auch subotpimal, um am Leben teilzunehmen.

Ich erinnere mich noch ganz genau an die Mitte der 90er Jahre, als ich meinen ersten Job in einer Werbeagentur hatte. Die Layouts und das Manuskript wurden per Kurier an den Kunden geschickt, dieser bekam das dann am nächsten Morgen und machte seine Anmerkungen und Korrekturen. Diese nahmen den gleichen Weg zurück zur Agentur. Und so vergingen zwei Tage, ehe überhaupt irgendwer eine Änderung vornehmen konnte. Layout und/oder Text wurden erneut angepasst und zur Freigabe an den Kunden verschickt. Erfolgte die Freigabe, waren trotzdem mindestens vier Tage vergangen. Heute passieren diese Vorgänge an einem Tag, viermal hintereinander. Die digitale Revolution macht es möglich. Nun bin ich der Letzte, der die Digitalisierung verdammt, aber vor zwanzig Jahren funktionierte das alles auch irgendwie. Es gab noch immer genug Stress für alle, aber der ließ sich halt prima auf mehrere Tage verteilen. Früher war alles besser, sogar der Stress.

Die im ersten Abschnitt angesprochenen Bücher helfen dem einen oder anderen eventuell prima bei der Suche nach einer passenden Herangehensweise, um das eigene Stresslevel zu senken. Und vielleicht ist es eine gute Idee, sich in dieser Richtung ein bisschen zu informieren, wenn man nicht von allein die richtigen Hebel findet, um Körper und Geist zu signalisieren, dass man nicht ganz allein die Welt retten muss, und zwar bis morgen Vormittag, um 10.15 Uhr. Ein Allheilmittel gibt es vermutlich nicht, aber es hilft schon mal, wenn man sich generell mit dem Thema auseinandersetzt. Angeblich werden wir Männer durch graue Haare und Falten ja interessanter, aber ich kann auch in zehn Jahren noch interessanter werden, das eilt ja nicht.

Text: Kai van Heldth
Foto: Heldth