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Almost Fourty – Mehr Schein als Sein

Erinnert sich noch jemand an diesen Werbespot, in dem ein Mann im besten Alter Fotos aus seiner Brieftasche zog und mit: „… mein Haus, mein Auto, meine Yacht …“ kommentierte? Dieses Bild balanciert in der Realität irgendwo zwischen wahrem Stolz am Erreichten und unglaublicher Aufschneiderei. Selbstverständlich ist es verdammt cool, wenn man es schafft seine eigenen Träume zu verwirklichen. Aber man trifft doch immer wieder Menschen, bei denen man sich fragt, wie viel wirklich hinter der Fassade steckt.

Das vergangene Wochenende verbrachte ich am Comer See. Dank einer großartigen Einladung von BMW Classic durfte ich den Concorso d’Eleganza der Villa d’Este hautnah miterleben. In dieser unfassbar schönen Kulisse treffen einzigartige Autos, exklusive Motorräder und eine Menge unterschiedlicher Menschen aufeinander. Es gibt Schöne und Reiche, ein paar schöne Reiche, viele gut angezogene und mindestens genau so viele furchtbar angezogene Menschen vor Ort und in irgendeiner Form hat jede anwesende Person einen triftigen Grund dort zu sein. Nicht immer stimmen dabei das vorgespiegelte Bild und die eigentliche Person überein. Gerade in so exklusiven Kreisen wird man immer wieder mit dieser Erkenntnis konfrontiert.

Herzlich lächelnd steht er da, ein Glas Champagner in der Hand und den Bauch leicht eingezogen. Sein graues Haar schimmert in der Sonne, ein perfekter Kontrast zu seinem gebräunten Gesicht. Die teure Sonnenbrille auf der Nase ist zweifellos noch immer das billigste an ihm – neben seinem Charakter, aber das weiß hier ja beinahe niemand. Jeder erfährt von seinen tollen Geschäften, seinem exklusiven Geschmack und all den großartigen Dingen, die er in seinem Leben bereits erreicht hat. Es spielt gar keine Rolle, ob die Gesprächspartner das überhaupt hören wollen. Er verteilt und sammelt Visitenkarten, tauscht belanglose Nettigkeiten aus und poliert sein Image unaufhörlich, auf dass es lange in der wunderbar warmen Sonne Italiens glänze. Dahinter steckt in erster Linie heiße Luft, eine Spur Verbitterung und eventuell auch noch eine ordentliche Portion sexuelle Frustration. Aber das ist ja nichts, mit dem man Eindruck machen kann und die Substanz ist wirklich sehr dünn, ihm bleibt nicht viel mehr, als dieses zur Gewohnheit gewordene Schauspiel. Er glaubt sich all das, was er nach außen trägt, schon viele Jahre lang. Und so fällt es ihm auch nicht schwer, diese Selbstdarstellung an Fremde zu verkaufen. Mit einem Hauch Menschenkenntnis und nach mehreren Aufeinandertreffen bröckelt diese Fassade allerdings schnell.

Natürlich gibt es dieses Spektakel auch in kleineren Ausprägungen. Wenn es zum Beispiel unbedingt die Oberklasse Limousine oder der Sportwagen vor der Haustür sein muss, die Finanzierung aber jeglichen anderen Spaß am Leben massiv einschränkt. Wenn das 160 Quadratmeter Loft geschmackvoll eingerichtet ist, im Kühlschrank aber nur eine Flasche Ketchup und im Schrank zwei Tüten billige Nudeln liegen. Und selbstverständlich lässt sich dieses Thema auch auf die Charakterzüge runterbrechen. Zugegeben, es ist eine Gratwanderung im Alltag. Die Person zu zeigen, die man wirklich ist, kann man ganz gewiss nicht immer und an jeder Stelle des Lebens nach außen zeigen. Ein paar gesellschaftliche Regeln gilt es halt doch zu beachten und manchmal gehört Trommeln eben auch zum Geschäft. Aber wenigstens der eigene Bekanntenkreis sollte doch irgendwie wissen, mit wem er es zu tun hat.

Älter werden bedeutet für mich auch, dass ich immer weniger Lust habe, mich ständig anzupassen. Dabei geht es mir nicht darum Konventionen zu brechen, nur um rebellisch zu sein. Aber ich habe gelernt, wie gut es tut, wenn man mit sich ins Reine kommt. Sich morgens beim Zähne putzen selbst in die Augen gucken zu können, ist sehr viel mehr wert, als nach außen ein Bild zu vermitteln, das schon zu wackeln beginnt, wenn jemand zu nahe daran vorbei geht. Es macht mich zweifellos glücklicher, nicht immerzu ein Image aufrecht erhalten zu müssen, dass nur aufgesetzt ist. Ich habe nämlich gar nicht ausreichend Zeit, um mein schauspielerisches Können so weit auszubauen, dass ich am Ende selbst glaube, wer ich vorgebe zu sein.

Text: K. v. Heldth
Foto: Heldth