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Almost Fourty – Schmutzige Hände

Manchmal bin ich nach einem arbeitsreichen Tag absolut unzufrieden. Obwohl ich den ganzen Tag die Tastatur meines Computers malträtierte und den Mauszeiger unaufhörlich über den Bildschirm jagte und dabei unzählige E-Mails, PDFs und Texte durch- und abgearbeitet habe, fühlt sich die Arbeit irgendwie unproduktiv an. Denn am Ende ist zwar viel erledigt, aber da ist so absolut gar nichts Greifbares. Nichts, das man anfassen, riechen oder schmecken kann. Das Ergebnis ist digital. Ich mag meine Arbeit. Sehr sogar. Und ich wäre der Letzte, der den Wert von Arbeit am Computer schmälern will, schließlich ist das seit über zwanzig Jahren mein Alltag. Diese Arbeit bezahlt meine Rechnungen, das Benzin und die Lebensmittel.

Irgendwann ging ich dazu über, mir in unregelmäßigen Abständen die Hände schmutzig zu machen. Nicht einfach so, indem ich sieben Minuten intensiv im Dreck wühle und mich dann über das Ergebnis der schmutzigen Hände freue. Nein. Ich habe mir vor vielen Jahren ein altes Auto zugelegt; wissend, dass ich von da an immer wieder etwas daran zu erledigen hätte. Daraus erwuchs eine Leidenschaft, die bis heute anhält. Dieses erste alte Auto, ein klassischer Mini übrigens, gehört mir längst nicht mehr. Aber seither gehört mir fast pausenlos immer irgendein solches Projekt, an dem ich Öl und Dreck unter die Fingernägel bekomme. Fahrzeuge, denen ich neues Leben einhauche, Schönheitsoperationen angedeihen lasse und manchmal einfach Macken austreibe.

Ich habe niemals den Job eines Mechanikers gelernt. Ich habe einfach angefangen. Seit jeher gibt es entsprechende Bücher und Unterlagen, mit denen man jeden einzelnen Schritt lernen kann, den es zu erledigen gilt. Heutzutage ist es sogar noch einfacher, denn man kann sich einfach ein beliebiges Tablet auf die Werkbank legen und mal eben Details und Problemstellen nachschlagen, ein YouTube-Tutorial anschauen oder ein Forum befragen. Der Rest ist logisches Verständnis und fehlende Angst vor der Technik. Wenn man das dann eine Weile gemacht hat, stellt man unweigerlich fest, dass das alles gar nicht so unglaublich kompliziert ist, man muss sich lediglich trauen.

Schmutzige Hände sind über all die Jahre also mein Ausgleich geworden. Egal ob man 45 Minuten oder vier Stunden in der Werkstatt war, wenn ein paar Schrauben gedreht wurden, zwei Teile ersetzt oder eins repariert ist, dann fühlt sich das für mich produktiv an. Auch wenn der Fortschritt aufgrund zu knapper Zeitressourcen oftmals nahezu unsichtbar ist, ich habe etwas mit meinen Händen geschaffen. Und meistens kann man das schon nach zehn Minuten sehen, wenn sich Öl, Fett und Schmutz in die Poren der Haut arbeiten und unter die Fingernägel wandern. Es ist ein erhabenes Gefühl, wenn ein Motor irgendwann wieder zum Leben erwacht, denn die Elektrik wieder so funktioniert wie sie soll oder wenn dieses nervige Geklapper an der Vorderachse endlich weg ist.

Ich finde, man sollte sich viel öfter die Hände schmutzig machen. Also vor allem diejenigen, zu deren täglichen Aufgaben das eben nicht gehört. Es muss ja kein Auto sein an dem man schraubt und auch kein Motorrad. Die Möglichkeiten sind im Grunde endlos, denn eigentlich geht es nur darum, dass man etwas mit seinen eigenen Händen erschafft. Vielleicht baut man sich selbst ein wahnsinnig schönes Fahrrad auf oder man restauriert den alten Kleiderschrank von der eigenen Großmutter. Und wenn einem der Mut dazu fehlt, sich selbstständig an solche Projekte zu wagen, dann ist das absolut nicht schlimm. Da draußen gibt es eine Menge Menschen, die bereit sind ihr handwerkliches Können und Wissen zu teilen, sei es in privatem Rahmen oder in Form von Kursen, in denen man etwas lernt und erschafft.

Während dieser Arbeit lernt man aber nicht nur die einzelnen Arbeitsschritte. Man kann sich beispielsweise auch ganz tolle Flüche ausdenken, denn fast immer gibt es irgendeinen Punkt, an dem es durchaus angebracht ist, mit derber Sprache eine schwierige Situation zu kommentieren. Eventuell lernt man in diesem Moment auch noch, dass Geduld und Sorgfalt hohe Güter sind und dass man jetzt viel besser auf dem Sofa sitzen könnte, um Fußball zu gucken. Aber auch diese Momente gehören dazu und es wird einem bewusst, was es bedeutet, wenn alle immer davon reden, dass der Weg das Ziel ist.

Egal für welchen Weg man sich entscheidet, ob man Autodidakt sein möchte oder auf die Erfahrung eines guten Lehrers setzt, am Ende steht dieses erhabene Gefühl, dass man etwas mit seinen eigenen Händen erschaffen hat. Dann steht man mit stolzgeschwellter Brust vor seinem Baby und wie beschwerlich oder leicht der Weg zu diesem Ziel war spielt gar keine Rolle mehr. Die Welt braucht mehr schmutzige Hände.

Text: K. v. Heldth
Foto: Moritz Thau für Heldth