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Almost Fourty – Habe ich etwas verpasst?

Manchmal, wenn ich mich mit jüngeren Menschen unterhalte, habe ich durchaus das Gefühl, dass mein Leben bisher gar nicht so aufregend war, wie es hätte sein können. Ich habe nie ein Jahr im Ausland gelebt, geschweige denn dort studiert oder gearbeitet; immerhin wäre es zweimal beinahe soweit gekommen. Ich bin auch nicht mit dem Rucksack durch Südostasien marschiert, das hat mich nämlich tatsächlich noch nie gereizt. Ohne studiert zu haben, fehlen mir selbstverständlich auch die Legenden aus der Zeit and der Universität. Habe ich vielleicht wirklich etwas verpasst?

Mit solchen Zweifeln im Kopf klingen die Abenteuer und Anekdoten der anderen noch viel aufregender. Aber es gab halt auch Gründe für all diese Entscheidungen; also nicht im Ausland zu leben, nicht mit dem Rucksack durch die Welt zu ziehen, nicht zu studieren.

Ja, klar habe ich etwas verpasst. Aber es ist ja nicht so, dass ich während dieser Zeit nicht auch mein Leben gelebt habe und so stehen in meinen Memoiren halt andere Geschichten und Anekdoten über das Leben in seiner ganzen Bandbreite. Großartige und beschissene Momente reihen sich aneinander und ergeben ein Gesamtbild, das durchaus erzählenswert ist. Ein paar Geschichten hat man längst vergessen und bekommt sie irgendwann zufällig wieder vor Augen geführt, um sich dann mit Freude daran zu erinnern. Andere Stories sind der Grund dafür, dass man mit wunderbaren Menschen über Jahre losen Kontakt hält, nur weil man gemeinsam die gleichen Erinnerungen teilt.

Wer sagt denn aber, dass man die wirklich wilden Erlebnisse in seiner Jugend mitnimmt? Natürlich ist es viel komfortabler, wenn man mit einem gewissen Polster auf dem Konto beschließt, dass man einmal für eine Zeit in den USA, in Australien oder sonstwo auf der Welt leben möchte. Das bedeutet aber eben auch, dass man die Zeit viel mehr genießen kann. Man kann, aber muss sich eben nicht mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, um die nächsten Schritte machen zu können. Das gilt natürlich auch für eine Rucksackreise um die halbe Welt. Das Abenteuer bleibt, man trifft noch immer auf viele spannende Menschen von überallher und kann die verrücktesten Dinge erleben. Die gewachsene Menschenkenntnis und die hoffentlich nicht ausgebliebene Lebensweisheit dürften dabei sogar sehr hilfreich sein. Denn auch wenn es okay ist gewisse Fehler zu machen und Lektionen zu lernen, es muss ja vielleicht nicht wirklich jede schlechte Erfahrung dabei sein.

Letztendlich geht es ja aber nicht darum, dass man mit seinen Erlebnissen prahlen kann. Zumindest sollte es das bitte nicht, auch wenn es natürlich toll ist, das Erlebte mit anderen zu teilen. Viel wichtiger ist es jedoch, was man selbst aus diesen Geschichten mitnimmt. Die Erfahrungen, die Freunde und Bekanntschaften, die daraus resultierenden Entscheidungen für den Moment und für das restliche Leben. Wirklich niemands Leben ist so grau und eintönig, dass es wirklich gar nichts zu erzählen gibt und ich für meinen Teil höre mir immer wieder gern an, wie es anderen erging, was sie machten und wohin sie das Leben führte. Ich habe nur dann wirklich etwas verpasst, wenn ich keine Zeit zum zuhören finde.

Text: K. v. Heldth
Foto: Teymur Madjderey für Heldth