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Almost Fourty – Revival of the Fittest

Mein Musikgeschmack war wohl nie so richtig Mainstream. Natürlich habe ich auch Songs gehört, die im Radio liefen. Anfang der 90er Jahre habe ich auch stundenlang mein Gehirn auf Stand-by gestellt und fasziniert das Programm von MTV aufgesogen. Damals, als man noch VJs anhimmelte, die tatsächlich Musikvideos ansagten und kommentierten. Aber jenseits dessen hörte ich auf verrauschten Kassetten Bands, deren Namen ich nicht kannte, aber deren Songs ich mochte und auf meinem Plattenspieler drehte sich vornehmlich Vinyl, das es nicht wirklich in die Wahrnehmung der breiten Masse schaffte. Das begann Ender der 80er Jahre mit Hip Hop, zu Beginn der 90er Jahre wurde es dann eine Spur lauter und ich wuchs mit Hardcore auf.

Selbstverständlich hatten wir auch Helden und ich habe eine ganze Menge Bands live gesehen, die auch heute noch Einfluss auf Jüngere haben. Andere wiederum hatten ihre besten Zeiten lange davor und so gab es durchaus Shows und Bands, die ich zu gern gesehen hätte. Heute, also zwanzig Jahre später, stehen eben diese Bands wieder auf den Bühnen und transportieren ihre Wut von einst durch die Welt. Tatsächlich habe ich mir ein paar dieser Shows angesehen und bis auf ein einziges Mal war ich zutiefst enttäuscht.

Meine Erinnerungen an laute Abende im Conne Island, im Landei, im Trash, im SO36 oder im Tommy Weisbecker Haus sind ausnahmslos großartig, die Energie und der Geist von damals sind jedoch irgendwie verblasst. Wir, also die Bands und ich, sind gemeinsam älter geworden. Gut die Hälfte der Texte kann ich noch immer auswendig, aber es ist irgendwie nicht mehr das Gleiche für mich. Die Kids um mich herum sind aber allesamt aus dem Häuschen, während ich mich in die hinteren Reihen zurückziehe, mit dem Kopf nicke und ab und zu doch mal den rechten Zeigefinger in die Luft recke.

Gutes kommt immer wieder zurück, sagt man. Das ist in der Tat sehr richtig. Manchmal kann sich aber jemand scheinbar nicht entscheiden, was wirklich gut war und auch unbedingt zurückkommen sollte. Oftmals sind die Erinnerungen an Vergangenes aber scheinbar schöner, als es ein Revival jemals sein könnte.

Twin Peaks, einst die ultimative Fernsehserie, in der der Tod von Laura Palmer geklärt wurde und die in den 90ern noch durch den Videotext eines Fernsehsenders gespoilert wurde, wird im kommenden Jahr aufgewärmt. Die Welt der Pokémons, die immer ohne mich stattgefunden hat, ist überaus erfolgreich wiedereröffnet worden. Autohersteller besinnen sich auf die vierrädrigen Volkshelden von einst und versuchen den Ruhm und Kult vergangener Tage zurück auf die Straßen zu bringen. Das Gleiche gilt auch für Sneaker Firmen, die immer mehr alte Modelle aus den Archiven ziehen und neu auflegen.

Am Ende entscheiden wir ganz allein, was wirklich funktioniert und was nicht. Oftmals sind es eben unsere Erinnerungen und die damit verbundenen Geschichten, die uns dazu bewegen, der Vergangenheit eine weitere Chance zu geben. Manchmal funktioniert das ziemlich gut und manchmal wünscht man sich, dass man es einfach bei den Erinnerungen belassen hätte.

Aber so sind wir vermutlich gestrickt. In unseren Erinnerungen wiegen die guten Dinge zum Glück oft mehr als die schlechten. Und es wäre doch eine verpasste Chance, wenn man diese guten Erinnerungen nicht vielleicht doch in die Gegenwart holen könnte. Die Industrie hat das längst erkannt und sie weiss auch, dass die Kids von damals heute einen Job haben, Geld verdienen und sich sehnlich an ihre Jugend erinnern. So haben letztendlich beide Parteien etwas davon. Die einen verdienen ihre Geld und die anderen, nämlich wir, tauchen wieder in eine Zeit ab, die sich viel unbeschwerter anfühlte als die Gegenwart.

Text: K. v. Heldth
Foto: Moritz Thau für Heldth