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Almost Fourty – Die Sicht der Dinge

Verglichen mit den Dingen,die gerade in der näheren Umgebung und der großen weiten Welt vor sich gehen, sind die Probleme, Gedanken und Herausforderungen des Älterwerdens winzig klein und scheinbar bedeutungslos. Politische und wirtschaftliche Fragwürdigkeiten werden von menschlichen Tragödien, überdefinierten Glaubensfragen und viel zu viel Wut gegen beinahe alles begleitet. Die wunderbaren Möglichkeiten der schnellen Medien schlagen ins Negative um und werden zur Angst schürenden Bürde, die Kleingeistern den Weg in die große Wahrnehmung bereitet. Es vergeht beinahe kein Tag ohne Schreckensmeldung; irgendwo auf der Welt passiert immer irgendetwas Furchtbares, egal ob von Menschen verursacht oder von Mutter Natur. Wie kann es da von Bedeutung sein, dass man plötzlich jede Menge graue Haare auf dem Kopf zählt, die Lachfalten längst auch ohne Gelächter zu sehen sind und der Körper längst nicht mehr so funktioniert, wie vor zwölf oder fünfzehn Jahren?

Es zeugt zweifelsfrei von Intelligenz und Empathie, wenn man die Geschehnisse auf der Welt nicht einfach ausblendet und ignoriert. Und ganz gewiss gibt es Themen und Vorfälle, die sollten diskutiert, besprochen, verteidigt oder verurteilt werden. Zum einen, um sich mit eben diesen Dingen auch in einem gewissen Maß auseinanderzusetzen, aber auch um eine Position beziehen zu können. Bestenfalls natürlich eine weltoffene, hilfsbereite und verständnisvolle, denn beschränkte Gedanken und Sichtweisen sind schließlich nicht gerade Anzeichen von menschlicher Größe.

Wirklich nichtig sind die ganz persönlichen Herausforderungen des Lebens aber trotzdem nicht. Denn schließlich gehören diese ebenso dazu und fordern Entscheidungen, Erkenntnisse und Gedanken; sie sind ein maßgeblicher Bestandteil des eigenen Seins und wiegen genau deshalb ebenfalls schwer. Es mag die Welt nicht besser machen, wenn man den eigenen körperlichen Verfall realisiert, beklagt und eventuell sogar bekämpft. Wir nähern und nicht dem Weltfrieden, wenn grundlegende Entscheidungen des Lebens – Job, Familie und dergleichen – plötzlich in Frage gestellt und komplett umgekrempelt werden. Aber es betrifft halt die eigene Person, und zwar sehr intensiv. Es geht um die Selbstwahrnehmung und den Umgang mit sich in allen Facetten des Lebens. Und das ist nun mal, aus der ganz eng gesteckten, äußerst persönlichen Sicht, nicht weniger wichtig als die politische Lage im Land und/oder auf der Welt.

Hand auf’s Herz, es ist wirklich schwierig ein passendes Gleichnis zu finden. Da draußen jagt eine Schreckensnachricht die andere; und ich meine nicht nur die politischen Grausamkeiten und Absurditäten. Zwischenmenschlich und gesellschaftlich liegen ebenfalls unzählige Dinge im Argen und auch wenn es eben diese Nachrichten meistens nur auf Seite zwei schaffen, so sind sie doch ebenfalls Gedankenfutter. Vielleicht ist es genau deshalb so wichtig, das Scheinwerferlicht nicht nur auf die großen Themen zu lenken. Wenn man am Ende den kompletten Verzicht auf die eigenen Sorgen, Nöte und Herausforderungen übt, dann führt das zwangsläufig irgendwann zu weiteren Sorgen, Nöten und Herausforderungen. Es ist also keinesfalls egoistisch, wenn man sich zwischendurch auch „nur“ mit sich auseinandersetzt. Vielmehr ist das ein Aspekt, der maßgeblich für die Gesundheit des eigenen Geistes wichtig ist.

Wie in beinahe allen Dingen kommt es hier auf eine gesunde Balance an und natürlich werden die grauen Haare menschliche Tragödien, Naturkatastrophen und dergleichen in ihrer Intensität der gedanklichen Aufarbeitung nicht überragen. Aber man sollte den Blick auf den eigenen Mikrokosmos nicht außer Acht lassen, sonst verliert man vielleicht ganz schnell den Zugang zum eigenen Leben. Und das wäre wirklich schade, denn das Leben ist wirklich großartig, selbst wenn es manchmal grausam und ungerecht scheint.

Text: K. v. Heldth
Foto: Tim Adler für Heldth