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Almost Fourty – Herr über die Zeit

Ich finde es wirklich faszinierend, wenn ich manchmal höre oder lese, was andere Menschen so alles in ihren Tagesplan gequetscht bekommen. Vielleicht haben andere manchmal einen speziellen Deal mit der Schweizer Uhrenindustrie oder wer auch sonst immer für die Verteilung der Zeit zuständig ist. Ich hingegen habe oftmals das Gefühl, dass mir am Ende des Tages immer irgendwer drei bis fünf Stunden geklaut hat. Vermutlich ist das auch wirklich der Fall und diese Zeit wird auf dem Schwarzmarkt an jene Leute verkauft, morgens einen Halbmarathon laufen, ihre drei Kinder in die Kita und die Schule bringen, danach acht Stunden lang im Büro die Welt retten, nach Feierabend ein geregeltes Familienleben auf die Reihe bekommen um sich hinterher mit Freunden zu treffen, ehe es ins Bett geht.

Na gut, ich bin beinahe ständig irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs und schon allein die Reiserei ist überaus zeitvernichtend. Ein ständig aufgeklappter Laptop würde mir das Leben an dieser Stelle auch nicht wirklich einfacher machen und so muss ich manchmal ein paar Abstriche machen. Tatsächlich habe ich genau aus diesem Grund sogar auf die Almost Fourty Kolumne verzichten müssen. Es war schlechthin nicht ausreichend Zeit, um sich einem brauchbaren Thema mit den nötigen Gedanken zu widmen. Selbstverständlich war das nicht das Einzige, das irgendwie auf der Strecke blieb, aber vermutlich das Offensichtlichste. Es sind eine Menge privater und geschäftlicher Dinge, die derzeit miteinander kollidieren und volle Konzentration verlangen.

Das persönliche Zeitmanagement scheint in der Gegenwart eine deutlich größere Herausforderung zu sein, als es vor zwanzig oder dreißig Jahren der Fall war. Natürlich ist das nur eine Annahme, als Teenager hat man schließlich ganz andere Sorgen. Aber in meiner Erinnerung sind meine Eltern nur selten so rotiert, wie es heute bei sehr vielen Menschen der Fall zu sein scheint. Es bedarf einer ziemlichen Portion Disziplin, um sich nicht von den verlockenden Nichtigkeiten ablenken zu lassen. Und es bedarf noch einer ganz anderen Fähigkeit. Nämlich der, Dinge zu delegieren. Ganz egal ob es sich dabei um berufliche Aspekte handelt, die durchaus auch von Kollegen, Assistenten, Azubis oder Praktikanten übernommen werden könnten und vielleicht nur Kontrolle benötigen, was weniger zeitintensiv wäre, oder ob man Dinge an Dienstleister weitergibt. Eine Putzfrau ist nicht dekadent, die gewonnene Zeit ist es mehr als wert. Einen Handwerker mit den Dingen zu beauftragen, die man sonst aus Zeitgründen immer vor sich her schiebt. Es gibt eine Menge solcher Beispiele, die für mehr eigene Zeit sorgen, um genau die Sachen zu machen, die man wirklich möchte.

Zeit ist ein großartiger Luxus. Das ist keine neue Erkenntnis, aber es ist eine Erkenntnis, die viel öfter wiederholt werden muss. Wenn man älter wird, bekommt man immer mehr den Eindruck, die Zeit würde immer schneller vergehen. Plötzlich ist es schon Ende August, dabei habe ich doch eben erst noch Geburtstag gefeiert. Ist der Sommer wirklich schon wieder beinahe vorbei und warum war ich noch an keinem einzigen See?

Wie man seine eigene Zeit einteilt, ist Ermessenssache. Manchmal scheinen Dinge viel wichtiger als sie es am Ende wirklich sind. Die Kunst ist es, richtig abzuwägen, zu strukturieren und dann das Beste daraus zu machen. Ich sitze in meiner neuen Küche, auf einem Ohrensessel, der hier eigentlich gar nicht stehen sollte, aber noch keinen festen Platz hat. Das neue Album der „Beginner“ untermalt diesen Moment und auch wenn das hier eigentlich Arbeit ist, es fühlt sich auch ein wenig nach einem Augenblick für mich selbst an. Einzig das Glas Whisky habe ich weggelassen, schließlich muss man sich ja noch irgendwie steigern können.

Ab morgen ist der Kalender dann wieder überfüllt mit Terminen und Verpflichtungen. So wie es sich für jemanden gehört, der auch gern einen 32-Stunden-Tag hätte. Und wer weiß, eventuell verkauft mir ja irgendwer wenigstens zwei oder drei Stunden seiner Zeit, das wäre ja immerhin ein Anfang.

Text: K. v. Heldth
Foto: Heldth