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Almost Fourty – Die Angst vor der Gewohnheit

Ich reise nicht nur sehr viel durch die Weltgeschichte, ich komme auch genau so oft in die Verlegenheit Alkohol zu trinken. Die Bandbreite der Gründe reicht vom geselligen Beisammensein während oder nach einer Presseveranstaltung bis hin zu Events, bei denen es sich schlichtweg um entsprechend alkoholgeschwängerte Themen handelt. Es gehört beinahe zum guten Ton, dass Wein und Bier, Cocktails und Longdrinks oder andere hochprozentige Drinks gereicht und genossen werden. Selbstverständlich wird niemand gezwungen, aber der gefühlte Gruppenzwang und die meist überaus angenehme Stimmung tragen ihren Teil zu einem lustigen Abend bei.

Nun, ich mag gute Drinks, leckeren Wein, ab und zu sogar auch mal ein Bier. In meinem Kopf ist jedoch immer die Angst zugegen, nicht in die gefährliche Gewohnheit abzurutschen. Es ist nämlich sehr schnell sehr komfortabel einen langen Tag mit einem Glas Whisky zu beenden, mit Freunden ein bis drei Flaschen Wein zu leeren und zwischendurch mal einen Cider zu zischen. Und über all dem schwebt die Angst, irgendwann vielleicht doch ein Alkoholproblem zu entwickeln. Jetzt kann man hier natürlich die zahlreichen dummen Sprüche platzieren, die dieses Thema hergibt, aber genau das ist das Problem mit diesem Thema. Denn es ist allgegenwärtig und irgendwie gesellschaftlich akzeptiert. Selbstverständlich ist Alkohol nicht das einzige Suchtproblem in unserer Gesellschaft, aber es ist sehr weit verbreitet und eckt weniger an als andere Themen.

Ich setze mich also häufig ganz gezielt für eine Weile aufs Trockene, auch wenn die gesellschaftlichen Zwänge dem nicht immer in die Hände spielen. Zudem lockt immer wieder die gut sortierte Hausbar sobald sich der Tag dem Ende zuneigt und die Füße hochgelegt werden. Ich habe in diesen Wochen der Pause absolut keine Entzugserscheinungen, aber mir wird insbesondere in diesen Phasen immer wieder klar, wie intensiv die Trinkerei zu unserer Gesellschaft gehört. Es sind vor allem die Gewohnheit und die althergebrachten Traditionen, die dem Alkohol den Weg ebnen. So gehört nun einmal zu einem guten Abendessen auch der passende Wein, bei zu feiernden Augenblicken wird Champagner, Sekt oder ähnliches geköpft und wenn man mit den Jungs abhängt ploppen halt die Bierflaschen. Mein abendlicher Griff in die Hausbar ist in erster Linie eine hübsche Gewohnheit. Welchen Whisky trinke ich denn heute? Und so entsteht eine Regelmäßigkeit, die an irgendeinem Punkt zur Notwendigkeit wird. Nur reden wir halt nicht drüber.

Ich möchte an dieser Stelle auf keinen Fall der Spielverderber sein. Dazu mag ich das Thema viel zu sehr, und das aus verschiedenen Gründen. Zum einen interessiert mich das Handwerk hinter dem Thema außerordentlich. Ich war schon in sehr vielen Destillerien, in der einen oder anderen Brauerei und auch auf Weingütern. Jeder dieser Betriebe hat seine Besonderheiten, seine eigene Geschichte und eine Menge Anekdoten. Es geht hier um Leidenschaft und Produkte, die mit Liebe und Sorgfalt entstehen, während man zu einem großen Teil eigentlich keine gezielte Kontrolle über den Entstehungsprozess hat. Zumindest wenn Fasslagerung und ähnliches ins Spiel kommen. Ich finde es großartig, was man mit und um alkoholhaltige Getränke machen und erzählen kann, wie man die verschiedenen Produkte erleben und genießen kann. Ich teile die Leidenschaft derer, die ihr Leben als Brenn- oder Braumeister bestreiten, ich kann die Begeisterung von Winzern genau so verstehen, wie die von Bartendern und Mixologen.

Ein wenig Disziplin und Selbstkontrolle sollte man dennoch walten lassen. Denn hier gilt das gleiche, wie bei allen anderen Gesundheitsthemen: man hat nun mal nur diesen einen Körper. Ich für meinen Teil bleibe also auch weiterhin immer mal wieder für einige Tage abstinent, mehrmals im Jahr. So habe ich das gute Gefühl, die Kontrolle zu behalten und das finde ich in den allermeisten Fällen sehr komfortabel. Denn Spaß habe ich trotzdem, es gibt noch genügend Zeit in meinem Leben, in der ich nicht versuche alles im Griff zu behalten. Und während andere trinken, um zu vergessen oder Spaß zu haben, trinke ich vor allem aus einem Grund, weil es mir wirklich gut schmeckt.

Text: K. v. Heldth
Foto: Jörg M. Krause für Heldth