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Almost Fourty – Nett ist nicht die kleine Schwester von Scheiße

Wir müssen mal dringend mit einem Vorurteil aufräumen. Nett ist nicht die kleine Schwester von Scheiße. Also zumindest nicht so pauschal, wie dieser Satz oftmals verwendet wird. Nett ist ein großartiges Adjektiv und die pauschale negative Belegung hat das Wort einfach nicht verdient. Natürlich kann man mit der richtigen, beziehungsweise der falschen Betonung durchaus zu diesem Schluss kommen. Irgendwie hat man aber das Gefühl, dass die Welt da draußen hart, rau und tatsächlich viel zu selten nett ist.

Nett sein kann man auf vielfältige Weise. Es geht mit Freundlichkeiten im Alltag los. Guten Morgen, bitte, danke, auf Wiedersehen. Jemandem eine Tür aufzuhalten, etwas aufzuheben das runterfiel oder mal zwei Schritte aus dem Weg zu gehen sind einfache Handlungen, die viel zu häufig nicht stattfinden. Stattdessen werden die imaginären oder die digitalen Scheuklappen aktiviert und zwei Atemzüge später ist man aus der Konfrontationszone und muss sich nicht mehr mit den Problemen anderer rumschlagen.

Der Vordermann blinkt und möchte sich gern einordnen, soll er das doch hinter mir machen. Die Frau mit dem schweren Koffer könnte ruhig mal schneller die Treppe hochgehen statt hier alle auszubremsen. Es gibt so viele Beispiele für Situationen, in denen Nettigkeit mehr weiterhelfen würden als latente Aggression und brodelndes Unverständnis. Und ja, es ist nicht immer einfach Ruhe zu bewahren. Ich finde regelmäßig Dinge, die mich maßlos stören und die ich nur zu gern mit einem Roundhouse Kick aus der Welt schaffen würde. Das Problem dabei ist aber, dass das nicht funktioniert und die Situation dadurch auch nicht besser sein würde.

Haters gonna hate. Gerade das Internet ist ein herrlicher Spielplatz für Missgunst, Gestichel und Hasstiraden. Politische Fragwürdigkeiten lassen wir hier einfach mal ausgeklammert. Wenn Apple ein neues Produkt ankündigt erntet das pauschal Sprüche und dumme Kommentare aller Apple Gegner. Wenn das neueste Samsung Telefon explodiert flippen die Apple Fans aus und amüsieren sich köstlich. PC-Gamer ziehen über Konsolen-Zocker her und andersrum. Und beinahe jeder, der sich in irgendeiner Form als wichtiger Influenzer sieht – die Realität dazu sei mal dahingestellt – schreibt früher oder später eine Hasstirade gegen Firma X oder Produkt Y oder Aktion Z. Das Leben könnte so viel einfacher sein, schöner, ja tatsächlich netter. Man müsste sich halt ab und zu auf die Zunge beißen und den spitzfindigen Kommentar runterschlucken. Mir fällt das oft genug schwer, aber nachdem ich lernte, wie das menschliche Gehirn funktioniert, arbeite ich für meinen Teil daran. Schließlich sollte man selbst die Person sein, die man gerne kennenlernen würde.

Das Gehirn lässt sich ziemlich einfach konditionieren, vor allem auf negative Dinge. Jeder hat so seine ganz persönlichen Hassthemen. Seien es andere Verkehrsteilnehmer mit all ihren Möglichkeiten sich daneben zu benehmen, Raucher die ihre Kippen überall hinschnippen, Hundebesitzer die ohne Kacktüten unterwegs sind, Kinderwagen die scheinbar rücksichtslos durch Menschenmengen bugsiert werden und was einem sonst noch so alles an Unmöglichkeiten einfällt. Innerhalb kürzester Zeit speichert das Gehirn solche Situationen als Stress und der Körper geht in einen wenig einladenden Abwehrmodus. Grimmig laufen wir durch die Welt und beginnen zu meckern und zu schimpfen. Die Grundstimmung wird dunkler und irgendwie ist es doch okay, wenn man seinem Unmut freien Lauf lässt. Die anderen könnten schließlich auch mal Rücksicht nehmen.

Nun, es gibt zahllose Redewendungen und Lebensweisheiten, die das Miteinander von Menschen in die richtige Bahn lenken sollen. Eine Spur Aggression ist aber halt offenbar viel einfacher und es kostet bekanntermaßen weniger Muskelanstrengung ein grimmiges Gesicht zu machen, als mit einem Lächeln durchs Leben zu gehen. Würden wir alle, auch ich natürlich, nur eine Spur netter zueinander sein, mehr Verständnis für andere aufbringen und mal nicht 24/7 nur an uns selbst denken, die Welt wäre zweifellos ein besserer Ort, ganz egal ob digital oder analog. Zu verlieren hat man dabei nämlich nicht sonderlich viel, außer vielleicht die eine oder andere Zornesfalte auf der Stirn. Seid bitte nett zueinander, danke.

Text: K. v. Heldth
Foto: Tobias Schult für Heldth