1

Almost Fourty – Kontrollierte Unvernunft

Unvernünftig zu sein ist ziemlich großartig, führt es in der Regel doch zu grandiosen Erinnerungen, legendären Erlebnissen und absolut erwähnenswerten Kapiteln in den eigenen Memoiren. Allerdings sollten wir an dieser Stelle auch gleich festhalten, dass es hier tatsächlich nicht um Leichtsinn geht. Der hat nämlich viel zu häufig unschöne Konsequenzen, die dann irgendwann vielleicht auch erzählenswert sind, aber halt eher als Warnung; und das will ja auch niemand.

Meine Eltern haben immer zu mir gesagt, dass ich vernünftig sein soll. Die meiste Zeit habe ich mich auch an diese Anweisung gehalten, im Rahmen meiner Möglichkeiten. Selbstverständlich habe ich immer wieder irgendwelchen Quatsch gemacht, den meine Eltern durchaus als Abweichung vom Briefing interpretiert hätten. Nachdem ich meinem Elternhaus den Rücken zugekehrt habe, eröffneten sich ganz neue Möglichkeiten unvernünftig zu sein. Allerdings wuchs ja auch die Verantwortung über mein eigenes Leben und so hat sich meine eigene Unvernunft bis heute auf einem Level gehalten, das man durchaus als vertretbar einstufen kann. Zwischen Bausparer und Evel Knievel gibt es ja glücklicherweise auch eine ziemlich große Bandbreite an Möglichkeiten.

Meine persönliche Schwäche sind ja Spielzeuge. Also große Spielzeuge. Ich habe einen ausgesprochenen Faible für benzinbetriebene, ein Grinsen ins Gesicht machende, meistens eine Spur zu laute und bei Fremden durchaus auch zum Kopfschütteln anregende Fahrzeuge. Kaum eines meiner Spielzeuge hat dabei ernsthaftes Potenzial als Geldanlage entschuldigt zu werden, aber jedes für sich ist eine absolut sichere Spaßanlage. Auch wenn in schwachen Momenten zudem noch eine Garantie drin ist, sich über irgendwelche Macken und Probleme zu ärgern.

Sich diese Leidenschaft zu leisten ist alles andere als vernünftig, zumindest wenn man die gesellschaftlich akzeptierten Maßstäbe ansetzt. Denn natürlich kostet dieser Spaß auch entsprechendes Geld, schließlich muss der Quatsch ja nicht nur gekauft werden, sondern kostet auch Unterhalt. Dabei bin ich doch längst viel vernünftiger geworden, was dieses Thema angeht. Denn den Männertraum von unzähligen Autos und Motorrädern, vor denen man morgens steht und die Qual der Wahl hat, habe ich längst abgehakt. Andererseits besitze ich aber noch immer vier Fahrzeuge und nur eins davon fährt auch. Es ist also immer eine Frage der persönlichen Perspektive. Ich finde nämlich, dass ich schon viel vernünftiger geworden bin und andere schütteln mit dem Kopf.

Ein gewisses Maß an Unvernunft sollten wir uns alle gönnen und es spielt keine Rolle, wie wir diese Unvernunft definieren. Schließlich hat jeder irgendein Faible, eine Leidenschaft die bei anderen auf Unverständnis stößt. Ich finde es beispielsweise sehr unvernünftig wenn man durch ein Gummiseil gesichert von Brücken und Häusern stürzt. Der bereits erwähnte Herr Knievel, einst wagemutiger Stuntman und großartiger Entertainer, hat unzählige Dinge in seinem Leben gemacht, die überaus unvernünftig sind. Und jede einzelne seiner Taten manifestierte seinen Ruf als Draufgänger und zugleich als Könner, nur so wurde er zur Legende. James Dean fuhr mit seinem Porsche nicht nur in den Tod, sondern auch eine Menge echter Autorennen, immer wissend, dass es durchaus gefährlich sein kann.

Solange man nicht leichtsinnig wird, ist es dieses selbst zu definierende Maß an Unvernunft, das dem Leben seine Würze verleiht. Tagein und tagaus ein graues, unaufgeregtes Leben ohne Eskapaden und Spinnereien zu führen halte ich einfach für verkehrt. Wir sollten uns Unvernunft gönnen, vielleicht sogar gerade dann, wenn wir die warnenden Stimmen unserer Eltern im Kopf haben. Ein ganz kleines bisschen gehört Leichtsinn vielleicht doch auch immer dazu, aber irgendwie muss man die erwähnenswerten Kapitel der eigenen Memoiren ja auch zusammenbekommen.

Text: K. v. Heldth
Foto: Heldth