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Almost Fourty – Haarige Zeiten

Mit voranschreitendem Alter bleibt es einfach nicht aus, sich mit dem Thema Haare auseinanderzusetzen. Manchen fallen sie aus, zudem werden sie langsam aber sicher grau und irgendwie wachsen immer mehr davon an den unmöglichsten Stellen. Bis man an den Punkt kommt, an dem dieses Thema zur kompletten Routine geworden ist und man sich mit seinem individuellen Schicksal abgefunden hat, vergehen noch einige Jahre, der Körper macht es ja auch spannend und bietet einem schließlich eine lange Zeit der Veränderung.

In meine Schulklasse hatte ich Jungs mit vollem, beinahe wallendem Haupthaar und die Mädels fanden das ziemlich gut. Keine zehn Jahre nach dem Abitur wurden die meisten von ihnen jedoch von der Genetik der eigenen Familie hinterrücks attackiert. Niemand, wirklich gar niemand kann etwas für seinen Haarausfall und ganz egal was die Kosmetikindustrie uns zu verkaufen versucht, dieser Prozess lässt sich nicht aufhalten. Die Stirn wird höher, die Geheimratsecken wandern rasant nach hinten, auf dem Kopf wird es lichter – irgendwann kommt man dann wohl oder übel an den Punkt eine Entscheidung treffen zu müssen.

Natürlich ist es nicht gerade einfach zu verkraften, wenn die einst üppige Haarpracht rasant schwindet. Die eigene Vergänglichkeit so gnadenlos aufgezeigt zu bekommen, rüttelt massiv am Selbstvertrauen und früher war die Entscheidung eine neue Frisur zu tragen selbstbestimmt und keine Vorgabe des Genpools. So ist es absolut nachvollziehbar, wenn man sich standhaft weigert die stets getragene Frisur aufzugeben. Bis es irgendwann gar nicht mehr geht. Die Haare müssen ab und das Ergebnis rangiert irgendwo zwischen Kurzhaarfrisur und Glatze. Es dauert eine Weile, aber selbstverständlich fügt man sich dem Schicksal und gewöhnt sich daran.

Während es auf dem Kopf lichter wird, ist die Natur an anderen Stellen großzügig und spendiert fröhlich vor sich hin sprießende Härchen an allen möglichen und unmöglichen Körperpartien. Nasen- und Ohrenhaare wachsen plötzlich, als gelte es einen Weltrekord aufzustellen. Auf den Schultern und dem Rücken wird aus ehemals vereinzelten Haaren langsam aber sicher ein weiches Bett. Und plötzlich hat man ganz neue Aufgaben, sofern man sich nicht dem Diktat der natürlichen Körperbehaarung unterordnen möchte. Auch dieser Prozess ist nicht wirklich aufzuhalten, sofern man sich nicht medizinischer Hilfsmittel bedient. Es gibt immer nur temporäre Lösungen, die regelmäßige Nacharbeit verlangen. Zum Glück sieht man den eigenen Rücken ja nicht so oft.

Ganz nebenbei, also zwischen Haarausfall an der einen und ungebetenen Haarwuchs an der anderen Stelle, wird man dann auch noch grau. Mal geht es schneller und mal langsamer, manche Männer erwischt es früher und andere später. Der einzige Trost bei diesem Vorgang ist, dass graue Haare einen Mann angeblich interessanter machen. Frauen tendieren dazu, diese Theorie sehr leichtfertig verbal zu bestätigen. Ob das aber wirklich stimmt oder vielleicht doch nur ein weit verbreiteter, trostspendender Mythos ist, der sich hartnäckig hält, lässt sich sowieso nicht rausfinden. Das allein reicht manchmal aber eben auch bloß nicht aus, denn es auch hier findet man zahllose Kerle, die gern ihre ursprüngliche Haarfarbe behalten und mit Stolz tragen wollen. Der letzte Bundeskanzler ließ seine Haare färben und drohte mit Klagen, wenn man ihm dies unterstellte, als wäre ein graumelierter Mann mit italienischem Maßanzug nicht unheimlich seriös und vertrauenswürdig. Nun ja.

Haare sind in all ihrer Vielfältigkeit also ein nicht zu ignorierendes Thema, auch, vielleicht sogar gerade unter Männern. Obwohl wir uns ja nicht halb so viel miteinander über Haare und/oder Frisuren miteinander unterhalten, wie Frauen das machen. Trotzdem beschäftigt uns das in irgendeiner Form, mal mehr und mal weniger. Wenn man dann noch die gesellschaftlichen Trends mitmacht, bekommen Haare wirklich eine unerwartet hohe Relevanz in unserem Leben. Und letztendlich gibt es nur eine einzige Lösung dafür – Selbstvertrauen. Solange wir es nicht in der Hand haben, welche Haare wo und wie wachsen, bleibt uns nicht viel anderes übrig, als uns mit der Natur zu arrangieren. Es gibt schließlich deutlich größere Sorgen, Herausforderungen und Aufgaben mit denen man sich auseinandersetzen kann, als diese allgegenwärtigen, vornehmlich aus Keratin bestehenden Hornfäden, die beinahe unseren ganzen Körper bedecken.

Text: K. v. Heldth
Foto: Heldth