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Creme 21 – Gran Turismo in Orange

„Mit welchem Wagen wollt Ihr denn fahren?“
„Dürfen wir uns das komplett aussuchen?“
„Klar, aber bitte nur ab Mitte der 70er aufwärts, es muss ja zur Veranstaltung passen.“
„…“

So begann für uns die fünfzehnte Auflage der Creme 21 Youngtimer Rallye und das raumfüllende Schweigen nach dieser Ansage wurde von zwei Seiten gespeist. Zum einen ist es natürlich total legitim einfach mal eine Weile sprachlos zu sein, wenn einem die BMW Group Classic freie Wahl im Fuhrpark anbietet. Außerdem braucht es im Kopf aber natürlich auch Platz für die Gedanken, die man sich in einem so grandiosen Moment macht. Welchen Wagen wählen wir? Die Bandbreite ist ziemlich groß und man muss schließlich sehr gut abwägen, wofür man sich entscheidet. Da gibt es schon einige ziemliche Knaller im BMW Portfolio und es darf am Ende ja nur ein einziger Wagen sein.

BMW M1. Zweifellos DER ultimative Traumwagen, aber es geht um eine mehr oder weniger touristische Ausfahrt. Für fünf Tage in dieser Ikone wäre das Leiden ganz sicher gerechtfertigt. Der BMW 535i als Vorgänger des legendären M5 ist natürlich auch keine schlechte Option. Die brave Limousine mit einem hinterhältig brutalen Faustschlag aus dem Reihensechser. Oh, es gab ja auch noch den 8er. Eigentlich ganz schön geil. Flach, irre stark und mit ein herrlich zwielichtigen Image. Der erste M3 ist natürlich auch eine ziemlich gute Wahl oder ein 323i aus der ersten 3er Generation. Verdammt, die richtige Wahl zu treffen ist wirklich nicht gerade einfach.

Noch einmal von vorn und mit klarem Kopf. Für so eine Fahrt braucht man einen echten Gran Turismo Wagen. Mit eleganter Linienführung für den stilvollen Auftritt. Sportlich und zugleich komfortabel, es gilt schließlich eine Menge Kilometer damit zu bewältigen. Mit richtig viel Kraft unter der unanständig langen Motorhaube, der Spaß darf schließlich auf keinen Fall zu kurz kommen. Es muss ein echter Traumwagen sein, ein Auto dem man hinterher guckt, während man sich vorstellt es zu besitzen.

„Okay, wir möchten bitte mit einem Sechser an den Start gehen.“

Wochen später stehen wir mit unseren Reisetaschen und beinahe weihnachtlicher Vorfreude vor dem Musée National de l’Automobile – Collection Schlumpf in Mülhausen. Hier wird die Creme 21 Youngtimer Rallye beginnen und es gibt nicht sehr viele Orte, die noch besser dazu geeignet wären. Hinter den Mauern des Museums schlummert eine der beeindruckendsten Fahrzeugsammlung der Welt, inklusive des einzigen Vorkriegs-Silberpfeils von Mercedes-Benz, der nicht in Werksbesitz ist. Kernstück der Sammlung sind unzählige Bugatti Modelle, die von den Gebrüdern Schlumpf, einst Großindustrielle mit einer ausgesprochenen Schwäche für die französische Marke. Sich mit den Inhalten dieses Museums auseinander zu setzen kann einen Tage kosten und die Reizüberflutung nimmt Überhand, als wir den Innenhof des Museums betreten. Hier stehen beinahe 250 Fahrzeuge, mit denen wir in den kommenden Tagen immer wieder zu tun haben werden. Jeder einzelne Wagen ist hier, um bei der Creme zu starten und die Bandbreite reicht von „um Himmels Willen“ bis zu „WOW!“, dazwischen versammeln sich interessante Skurilitäten, echte Raritäten und wunderbare Unscheinbarkeiten. Und mittendrin steht er, unser Sechser.

1985 wurde der delphingraue BMW M635 CSi in Italien ausgeliefert, volle Hütte. Der Wagen hat wirklich alles zu bieten, was Mitte der 80er möglich war und auch nach 31 Jahren hat er kein bisschen von seiner Großartigkeit eingebüßt. Hinter dem schräg nach vorn ragenden Kühlergrill wütet ein Reihensechszylinder mit 3,5 Litern Hubraum, dieser Motor stammt ursprünglich aus dem BMW M1 und wurde für den 2+2 Sitzer etwas angepasst. 286 PS produziert das bayerische Kraftwerk, auch heute noch mehr als ausreichend. Jedes einzelne der Pferde präsentierte sich putzmunter und jederzeit bereit nach vorn zu preschen, ganz und gar dem visuellen Überholprestige der von Paul Bracq gezeichneten Karosserie gerecht zu werden. Dieser Wagen war zweifellos die beste Wahl, die man für diese Veranstaltung treffen konnte. Höchste Zeit sich miteinander vertraut zu machen.

Im Schatten des Musée National de l’Automobile sammelten sich langsam die Piloten und ihre Navigatoren, bereit den Worten der drei Veranstalter zu lauschen, bereit sich drei ganze und zwei halbe Tage lang auf großartigen Spaß einzulassen, bereit ihr automobiles Kulturgut über viele hundert Kilometer durch den Süden des Landes zu pilotieren.

Die Creme 21 Youngtimer Rallye wurde 2002 zum ersten Mal gestartet, weil die bevorzugten Fahrzeuge der drei Veranstalter keine Akzeptanz im Rahmen der üblichen Oldtimer Rallyes fanden. Und vielleicht auch, weil Bier aus Dosen und rostige Schweller halt doch einen anderen Rahmen brauchen, als Gleichmäßigkeitsprüfungen und Ralph Lauren Poloshirts. Es gibt sogar Teilnehmer, die seit fünfzehn Jahren immer wieder an den Start der Creme rollen. Mal abgesehen von der Mille Miglia findet man so schnell keine Rallye für mehr oder weniger historische Fahrzeuge, die so einen Fankult genießt, wie die Creme. Auf beinahe jedem zweiten Auto prangt irgendein orangener Sticker, oftmals seit Jahren und die Leidenschaft, mit der die Teams dieser Veranstaltung entgegen fiebern sucht ihresgleichen wohl vergeblich. Zack, ist man angesteckt von einer einstigen Schnapsidee und noch ehe die erste Etappe zurückgelegt ist, überlegt man schon mal vorsorglich auch im kommenden Jahr an den Start zu gehen.

Halbwegs unspektakulär geht der Start am ersten „Renntag“ vonstatten. Durch beinahe punktgenaues Timing fahren wir auf den angegebenen Platz, reihen uns hinter drei anderen Autos ein und schon geht es los. Wir müssen erst einmal warm werden mit dem bayerischen Gran Turismo, erstaunlicherweise brauchen wir dazu keine fünfzehn Minuten, denn die einstige automobile Perfektion ist auch nach über 30 Jahren vollständig erhalten. Dieser Wagen ist atemberaubend, in jeder Hinsicht. Die Gewalt, mit der es nach einem beherzten Tritt auf das Gaspedal vorwärts geht. Diese Formensprache, die aus wirklich jeder Perspektive hinreißend ist. Die Präzision, mit der sich jede Bewegung der anderthalb Tonnen ausführen lässt, beinahe auf den Millimeter genau. Es ist ein wahres Fest der Sinne.

Die Prüfungen der Creme 21 sind, nun ja, nennen wir es einfach mal speziell. Es geht hier nahezu niemals um fahrerische Präzision. Stattdessen gibt es Spiele, deren Ernsthaftigkeit man nicht hinterfragen sollte. Dennoch sind es aber nun mal eben diese Spiele, mit denen man die eigene Position in der Gesamtwertung definiert. Täglich gibt es ein Kofferspiel – hier wird einem für 21 Sekunden ein Kinderkoffer mit diversen Inhalten präsentiert und irgendwann im Laufe des Tages folgt die dazugehörige Frage. Wenn der Koffer mit den unterschiedlichsten Süßigkeiten vollgestopft ist und man vier Stunden später sagen soll, wie lang denn wohl die enthaltenen Lakritzschnecken sind, dann bekommt man schnell Schweiß auf die Stirn, schließlich hatte man sich doch nur gemerkt, dass da sieben Speckmäuse im Koffer waren. Dazu kommen Geschicklichkeitsspiele, wie Torwandschießen, oder Ratespiele, bei denen man Magazintitel dem jeweiligen Erscheinungsjahr zuordnen soll. Aber es ging durchaus auch im Autos und so durften alle mal superspacige Armaturenbretter raten und dabei in Kindheitserinnerungen schwelgen. Und irgendwie wünscht man sich ganz heimlich die Gleichmäßigkeitsprüfungen zurück, es fühlt sich halt doch einfacher an, wenn man 250 Meter in vierzehn Sekunden zurücklegen soll.

Immer wieder gibt es Zwischenstopps und beinahe jedes Mal gibt es auch wirklich etwas zu sehen, denn im Süden Deutschlands findet man eine Menge großer und kleiner Museen, die sich mit Mobilität auseinandersetzen. Vom Fahrrad bis zum Flugzeug ist alles dabei, selbstverständlich auch eine ganze Menge beeindruckender Autos. Mal unfassbar alt und mal unfassbar schnell – aber beinahe immer rar, immer in irgendeiner Form wegweisend und viel zu oft so, dass man die eigene Traumgarage wieder ein Stück größer machen möchte. Ausreichend Futter für stundenlange Schwärmereien und Diskussionen während der langen Kilometer zwischen den Kaffeepausen, den Museen und natürlich den Prüfungen.

Beinahe vier Tage lang beackern wir das Thema, welcher Wagen denn wohl die ultimative Wahl für die Creme 21 wäre. Der weiße, gnadenlos grunzende Lotus Esprit aus dem Starterfeld scheint anbetungswürdig, aber irgendwie will man auch doch nicht vier Tage am Stück Kilometer runterreißen damit. Zwei Alfasud bewegen sich ebenfalls im Pulk, vermutlich alle überhaupt noch existierenden Modelle auf der ganzen Welt, begründete dieser Wagen doch das Rostklischee der Italiener. Einer der beiden macht einen anbetungswürdigen Lärm, aber so richtig überzeugend ist er dann doch nicht, um als perfekte Creme 21 Waffe von uns eingestuft zu werden. Porsche 911 gehen immer und genau das macht sie an dieser Stelle eine Spur zu langweilig. Etwas richtig krasses vielleicht? Ein Lamborghini Countach? Rundstrecke vielleicht, für eine Weile, aber eine touristische Ausfahrt doch eher nicht. Auf dem Beifahrersitz fallen immer exotischere Firmen- und Modellbezeichnung, während der Sechser präzise die Landstraßen entlang fräst und dabei trotz der überaus sportlichen Fahrweise einen einzigartigen Komfort darbietet. Irgendwann trifft uns die Erkenntnis wie ein Wildunfall, wir sitzen im ultimative Wagen für die Creme 21. Mehr geht nicht. Oder vielleicht doch?

Das furiose Ende der Rallye gibt es am vierten Tag vor der BMW Welt in München, selbstverständlich inklusive des unperfekten Charmes der Creme 21. Seltsame Trophäen – beispielsweise ein Heimtrainer, eine Rotlichtlampe oder ein kompletter Brockhaus – finden ihre neuen Besitzer und so ist es irgendwie gar nicht so schlimm, wenn man in der Gesamtwertung eher so mittel war und nie eine vorzeigbare Leistung abgab. Und abgeben ist dann das nächste Stichwort, denn seltsamerweise wollen die BMW Classic Leute tatsächlich den Schlüsse zum Sechser wiederhaben. Dabei wäre der doch wirklich etwas für den Alltag. Ohne genau zu wissen, was uns erwarten würde, haben wir uns auf die Creme 21 Youngtimer Rallye eingelassen und vielleicht war das eine der besten Entscheidungen überhaupt. Selten macht es so unfassbar viel Spaß mit anderen Menschen in so halbwegs alten und oftmals auch nur so mittelcoolen Autos durchs Land zu fahren. DAS ist Motorsport für den Hausgebrauch und ohne Verletzung der Verkehrsregeln. Nachahmung vorbehaltlos empfohlen. Wir überlegen jetzt schon mal, was wir im nächsten Jahr an den Start rollen werden. Obwohl, den ultimativen Wagen haben wir doch schon dafür gefunden.

Mehr Infos zur Creme 21 Youngtimer Rallye

 

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Fotos: BMW Group Classic


Mit freundlicher Unterstützung der BMW Group Classic.

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