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Almost Fourty – Eher so Almost Eighty

Die Hantelstange liegt perfekt auf der Nackenmuskulatur, der breite Gürtel gibt mir zusätzlichen Halt in der Körpermitte. Den ersten Satz Backsquats habe ich nach der Aufwärmphase schon hinter mich gebracht. Also los. Einatmen, Bauch und Hintern anspannen, runter, ausatmen und dabei wieder hoch. Noch einmal und noch … krachend fällt die Hantelstange auf den schwarzen Gummiboden, während ich auf die Knie falle. Herzlichen Glückwunsch zu meinem Hexenschuss. Ganz offiziell mein zweiter Hexenschuss und zugleich meine zweite Sportverletzung in zweieinhalb Jahren. Ein ziemlich okayer Schnitt würde ich sagen. Langsam und mit eingeschränkten Bewegungen räume ich meinen Kram auf, ziehe mich wieder an und fahre nach Hause.

Als ich wach werde, fühle ich mich nicht wie beinahe vierzig. Es ist eher so ein Almost Eighty Ding, das mein Körper mir da gerade nahebringen möchte. Es dauert sehr lange, ehe ich angezogen bin und begleitet wird dieser Vorgang von jeder Menge Gestöhne und lustigen Verrenkungen. Die Apotheke ist ungefähr zehn Minuten entfernt und es dauert auch nur die doppelte Zeit, ehe ich dort angekommen bin, um mich mit den passenden Hilfsmitteln einzudecken. Gegen Hexenschuss hilft leider nicht sehr viel, außer Geduld und Wärme. Okay, es gibt schlimmere Wochenendaktivitäten als Bettruhe mit Filmen und Büchern.

Trotzdem, jede Bewegung ist eine Herausforderung, die akustisch von mir untermalt wird. Jede alltägliche Bewegung dauert ewig und es sich die Kleinigkeiten, die frustrieren. Meine Schuhe kann ich mir nicht zubinden. Ohne mich festzuhalten komme ich in keine Hose und schon gar nicht durch die Wohnung. Die Treppe zu meiner Wohnungstür wirkte nie zuvor so erschreckend und abstoßend. Wenn ich auf der Straße gehe, muss ich immer wieder mal kurz stehenbleiben, weil der Schmerz durch meinen Körper rast. Es ist alles sehr schön. Nicht.

Das ist es also, was auf mich zukommt? Also in ungefähr vierzig Jahren dann erst. Aber echt jetzt? Diese Bewegungseinschränkung, das daraus deutlich reduzierte Tempo aller Abläufe des Alltags, das nicht ausbleibende Ächzen beim Aufstehen und Hinsetzen. Tatsächlich wünsche ich mir einen Gehstock, um meiner körperlichen Schonhaltung gerecht zu werden und ein bisschen mehr Stütze zu haben.

Wenn diese Form der Einschränkungen zum Alltag wird, kann man nur hoffen, dass der Weg dorthin ein schleichender ist und man sich langsam daran gewöhnt, mit weniger Möglichkeiten durchs Leben zu gehen. Aber es ist durchaus auch ein hilfreicher Moment, denn so kann ich heute schon mal die kommenden Herausforderungen erleben, wissend, dass ich in ein paar Tagen wieder fit bin und problemlos durch die Gegend springen werde. Irgendwann ist es dann aber wieder soweit und es wird nicht mehr so einfach sein die Schuhe anzuziehen und eine Schleife zu binden. Ein bisschen gruselig ist das ja schon.

Das Wärmepflaster sorgt für ein wohliges Gefühl in meinem unteren Rücken und die Schmerztabletten helfen auch ganz ordentlich. Meine Bewegungsfreiheit kehrt langsam zurück und man muss schon genau hinschauen, damit man sieht, wie ich mein Becken in eine Schonstellung schiebe, um den Schmerz zu minimieren. Übermorgen ist der Spuk vorbei und ich bin wieder vierzig Jahre jünger. Die Kosmetikindustrie würde Milliarden für diesen Verjüngungstrick zahlen.

Text: K. v. Heldth
Foto: Moritz Thau für Heldth