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Almost Fourty – Ich weiß nicht was ich will

Dann und wann wird man im Leben in Gespräche über die Zukunft verwickelt. Das kann beruflich bedingt sein, wenn man in einem Interview seine eigene Perspektive innerhalb des Jobs beschreiben soll. Genau so wird man aber auch im Privatleben damit konfrontiert, da wollen auch immer wieder Menschen von einem wissen, was man denn eigentlich so vom Leben erwartet und was man eigentlich möchte. Mich stellt dies Fragerei regelmäßig vor eine mittelgroße Herausforderung, denn ich funktioniere nur selten auf diese Weise. Und damit bin ich glücklicherweise nicht allein.

Statt zu beantworten, was ich denn wohl eigentlich möchte, kann ich zumeist viel einfacher sagen was ich nicht möchte. Auf den ersten Blick scheint das eine sehr negative Betrachtungsweise für das Leben zu sein, denn die Dinge die man nicht möchte, sind schließlich dementsprechend belegt. Für mich ist das allerdings in Wirklichkeit eine deutlich offenere und positivere Betrachtungsweise der eigenen Zukunft, denn dieses Ausschlussverfahren lässt mir selbst im Grunde viel mehr Möglichkeiten offen.

Früher hatte ich mal ein klares Bild von dem Leben, das ich gern leben wollte. Ich wusste wohin ich möchte, welche Ziele ich habe und wie sich das alles zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügt. Ein paar Enttäuschungen und zahllose Erfahrungen später finde ich meine heutige Betrachtungsweise nicht nur schlauer, sondern auch noch entspannter. Denn es bedeutet letztendlich nicht, dass ich einfach mal so losgehe und mich pauschal vom Leben überraschen lasse. Ich habe noch immer ein paar Wünsche für meine eigene Zukunft, die ich gern irgendwie und irgendwann erfüllt wüsste. Aber ich werde durch diese Betrachtungsweise vermutlich mit weniger Enttäuschungen konfrontiert, als würde ich noch immer mit einem klaren Bild durchs Leben streifen. Und genau das finde ich äußerst praktisch.

Genau zu wissen, welche Dinge ich nicht in meinem Leben möchte, gibt mir die Möglichkeit Ziele so verfolgen, dass sich daraus mehr Optionen für alle weiteren Schritte ergeben. Schließlich kann (und will) ich jetzt noch gar nicht so genau wissen, wie es in der Welt in zehn Jahren aussieht. (Auch wenn ich für diesen Zeitpunkt so ein paar ganz klare Befürchtungen habe, ich mich hier aber wiederum sehr gern Enttäuschungen hingebe, wenn meine Schwarzmalerei ungerechtfertigt gewesen sein sollte. Das ist aber ein ganz anderes Thema.)

Es gibt eine ganze Menge Menschen, die mit der klaren Vision dessen was sie gern wollen gut fahren. Denn daraus ergeben sich zumeist klare Strukturen und Regeln, mit denen man das eigene Handeln ganz prima sortieren und planen kann. Diese Form der Sicherheit ermöglicht eine klare Sicht auf das was da kommen mag, sofern das (sogenannte) Schicksal einem da keinen Strich durch die Rechnung macht und plötzlich mit ganz neuen Herausforderungen vor der Tür steht. Aber das gehört wohl auch dazu und immerhin besteht eine klassische 50/50 Chance, dass der eigene Plan vom Leben aufgeht.

Meine, zum Glück nicht alleinige Perspektive scheint auf den ersten Blick abenteuerlicher, lässt sie doch viele Dinge offen. Aber genau daraus ziehe ich persönlich meine Vorteile und sogar eine Spur von Sicherheit. Schließlich habe ich ja auch einen Plan, nur eben einen mit deutlich mehr Möglichkeiten das Ziel zu erreichen. Und irgendwie habe ich auch gar keine große Lust mehr auf die detaillierte Vision meines eigenen Lebens. Die Eventualitäten, die das alles durcheinander bringen könnten, sind für mich auf diese Weise ein bisschen weniger gruselig.

Ich bin durch meine Betrachtungsweise der Zukunft nicht besser oder schlechter auf das Leben vorbereitet als all jene, die einen Plan haben. Ich bin auch mindestens genau so überrascht, wenn plötzlich der nächste Tiefschlag kommt und mich aus dem gewohnten Rahmen wirft. In meiner Welt bin ich aber eben auch ein bisschen flexibler in Situationen, die unerwartet auf mich zu kommen. Und zu wissen, was ich eigentlich nicht möchte, führt mich früher oder später auch genau an den Punkt, an dem ich ein klares Bild von dem bekomme, was ich denn nun eigentlich will. Der Weg dorthin ist eventuell aber viel aufregender und erzählenswerter und hinterher kann ich immer behaupten, das wäre alles genau so geplant gewesen.

Text: K. v. Heldth
Foto: Max Threlfall für Heldth