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Dinge, die man mal machen sollte – Mit den Kraft Runners von Berlin nach Hamburg rennen

Den Mount Everest besteigen? Mit einem Formel1-Wagen fahren? Mal einen Monat zu allem „Ja“ sagen? Viel zu langweilig, das sind doch Ziele, die sich jedermann in seinem Leben setzt. Was also tun um das ganze Testosteron abzubauen?

Die Antwort auf die Frage, oder bzw. die Erleuchtung sollte mir in Los Angeles kommen. Bei meinem Sommerurlaub in LA besuchte ich regelmäßig den Nike+ Run Club. Für Nicht-Lauf-Nerds jetzt nochmal auf Deutsch: der Sportartikelhersteller Nike, der seinen Ursprung im Laufen fand, gründete im Jahr 2015 in allen größeren Weltmetropolen den weltweit größten Laufclub; sein Name zwar schlicht gehalten, aber mittlerweile in der Läuferszene weltweit bekannt: Nike+ Run Club. So werden weltweit wöchentlich Läufe verschiedenster Art (Langstrecken, Intervalle, Cross Country) organisiert. Start und Ende eines jeden Laufs ist dabei der jeweilige Nike-Store der Großstadt.

Zu solchen Veranstaltungen bin ich also in LA gegangen. Ich, der sportliche Typ und selbst sogenannter „Pacer“ für Nike in Berlin. Das heißt, ich laufe vor, kenne die Strecke, und „pace“ in einem bestimmten, vorgegebenen Tempo! Daher habe ich mich bei der LA Nike+ Run Club Crew sofort wohl gefühlt und mich mit den Läufern und Coaches super verstanden. Der dortige Coach, cooler Typ, immer eine Sonnenbrille auf, top gekleidet, erzählte mir von seinem „Speed Project“. Er und seine Freunde haben 2013 angefangen einmal im Jahr von LA nach Vegas zu laufen. Ich fand das natürlich super cool und habe sofort rumgesponnen und meinen Berliner Lauffreunden, ebenfalls alles Pacer, davon erzählt: “Wir müssen sowas auch machen! Von Berlin nach Prag oder nach Hamburg oder so!”

Zurück in Berlin: es stand der Berliner Marathon an. Meine Nike Pacer Boys und ich haben dafür eh zusammen trainiert und irgendwie formte sich so langsam aber sicher eine richtige Lauf-Crew! Ein Name musste her, zumindest für unsere Whatsapp Gruppe. Die erste Idee war damals eher unpassend, wenn man lange genug über das Wort nachdachte. Die zweite Idee war, die Crew mit meinem Café zu verbinden: das Café Kraft! Wir verstehen uns als Läufer, die bei einem Wettkampf leistungsorientiert sind. Gleichzeitig wollen wir aber auch zeigen, dass dies gerade auch trotz regelmäßigem Feierns funktioniert. Wir wollten also gute Leute mit der gleichen Einstellung zusammenbringen. Good vibe, good people – das Hashtag #gvgp war geboren und die Kraft Runners gingen beim Berliner 10 Kilometer Lauf „Asics Grand10“ das erste Mal offiziell und mit passenden Shirts an den Start.

Eine Woche später aber sollte der große Knall kommen. Unser IPO! Unser eigener Staffellauf! Wir wollten Freitagnachmittag um 17h starten und vom Brandenburger Tor, als Staffel mit 6 Jungs, nach Hamburg laufen. Ziel: die Landungsbrücken!

Gesagt, getan! Doch die Organisation dahinter hatten wir sicherlich unterschätzt. Mit der Planung angefangen an einem Sonntagabend, investierten wir unsere Freizeit der nächsten Tage bis Donnerstagnacht in die Planung von Strecke, Verpflegung und Social Media Plan. Promo-Videos für Instagram und Facebook waren noch schnell und in DIY-Manier gedreht worden, ein befreundeter Nike Fotograf für den Start am Brandenburger Tor organisiert, und und und!

Der große Tag stand an.

Viel mehr Freunde als erwartet haben uns dann am Brandenburger Tor empfangen und verabschiedet. Cool wie wir sind, starteten wir mit Konfettikanonen und Bengalos, Amerikanische Botschaft nebenan, we don’t care! Der Reiz verhaftet zu werden hat uns nur beflügelt auf den ersten Kilometern. Ich war Startläufer, Pipi stand mir in den Augen, einfach nur weil ich zwei Sachen dachte erstens: „Boar, Wahnsinn, wieviele Leute uns gerade anfeuern gekommen sind“ und zweitens: „Fuck, wir laufen jetzt wirklich nach Hamburg, fast 300km, FUCK!“.

Organisiert haben wir das wie folgt. Wir mieteten uns einen Familien-Van, in dem alles an Verpflegung und Taschen unterkommen sollte, und vier von unseren Läufern. Einer von uns ist immer gelaufen, ein anderer von uns war der Fahrrad Support nebenan. Auf einem Berlin-typischen Singlespeed mit Rennrad Bereifung versteht sich. Mehr dazu später. Der Fahrradfahrer war besonders nachts gefragt und musste sich um die Sicherheit und Navigation kümmern. Der Läufer sollte sich nur auf eins konzentrieren, Laufen! Schließlich musste jeder von uns 6 Jungs mehr als eine Marathon Distanz abspulen. Im Schnitt ca. 50 km.

Es gab so einige Highlights auf dem Weg. Der erste Läufer verirrte sich direkt auf der Höhe von Nauen das erste Mal und lief ein paar Kilometer in die falsche Richtung. Der Fahrradfahrer, der als Navigator dienen sollte, bemerkte den den Fehler auch nicht, da es zu diesem Zeitpunkt keinen Empfang gab.
Als zweites Highlight bzw. Fehlplanung kam die 10 km Teilstrecke, die nachts in einen Wald über den schlimmsten Acker ohne jegliche Beleuchtung, hineinführte. Ich war Fahrradbegleitung. Es ging also schon super los! Bei der Übergabe riss ein Band der Kopflampe, also fuhr ich einhändig, mit der anderen Hand den Weg ausleuchtend, mit dem Rad los. Wegen meiner Startschwierigkeiten hatte der aktuelle Läufer schon ein gutes Stück Vorsprung. Nochmal zur Erinnerung, ich war sowohl für die Navigation als auch für den moralischen Support und die Ausleuchtung des Weges zuständig. Nichts davon konnte ich umsetzen.

Mit dem Rennrad kam ich auf dem Acker kaum voran, fiel immer weiter zurück, sah nichts wegen meiner Lampe und hatte dazu auch noch keinen Empfang – billigem SIM-Kartenanbieter sei Dank! Unser Läufer war natürlich hellauf begeistert, NOT, aber kämpfte sich durch, er hatte ja Telekom und NOCH Netz, zumindest bis zu dem Zeitpunkt an dem wir wirklich in den Wald liefen. Von dort an hatte auch er keinen Empfang mehr. Wenigstens schloss ich mittlerweile auf und konnte wieder moralischen Support leisten. Mein Kumpel war nämlich gerade so richtig angepisst. Vor allem, weil er als seinen ersten Abschnitt das bisher beschissenste Teilstück der Strecke erwischt hatte – und das alles mit einer Leistenzerrung. Wir liefen also blind ohne Navigation durch einen dunklen Wald, und das ca. 5 Kilometer. Als wir irgendwann wieder Häuser und eine asphaltierte Straße sahen, hätte ich nicht sagen können wer glücklicher war, mein Kumpel oder ich. Und die anderen Jungs, die diesen Teil der Strecke übrigens mit dem Auto umfahren hatten, waren auch froh, dass wir es noch irgendwie zum Übergabepunkt geschafft hatten.

Die wohl treffendste Aussage über unseren Ultra-Staffel-Marathon war wohl die, die einer von uns während seiner Pause sagte: „Ich habe mal wieder gemerkt, dass ich Laufen eigentlich hasse! Ich finde nur das Gefühl geil, wenn ich ankomme!“

Irgendwann sind wir dann auch angekommen, nach 21 Stunden und 15 Minuten, unser Ziel unter 24 Stunden zu bleiben, haben wir deutlich unterboten (und ein KRAFT Ausrufezeichen gesetzt). Wir sind ähnlich in Hamburg eingefallen, wie wir Berlin verlassen haben, mit Konfettibomben, Bengalos und einem Facebook-Live Video von unserem Zieleinlauf! Wir hatten auch während des 21-stündigen Laufs immer konstant Content auf Instagram und Facebook gepostet und fast alle Kommentare zeitnah beantwortet. So haben wir nicht nur Bengalos sondern auch ein Social Media Feuerwerk abgebrannt.

Nach einer kurzen Verschnaufpause im Hotel – ob Hotelbett oder Spa – jeder hatte die Zeit anders genutzt, musste getreu dem Motto „Run Hard, Party hard“ die Hamburger Nacht richtig genutzt werden. Also ging es gegen 22 Uhr zum Essen, von da zum Supermarkt, uns mit Alkohol eindeckend und dann richtig mit Stil zum Vorglühen ins Hotel. Gegen 2 Uhr nachts ging es dann in einen Elektro Schuppen um bis 9 Uhr morgens durchzumachen. Achso, Check-Out war um 11!

Wir hatten also richtig viel Schlaf an unserem Berlin-Hamburg-Staffellauf Wochenende. Aber egal, das sollte Mann mal gemacht haben! Und als nächstes? Vielleicht von Los Angeles nach Vegas rennen? Mal sehen.

Mehr Infos zu den Kraft Runners

Text: Marco Prüfer
Fotos: Max Menning

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