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Almost Forty – Mit Sicherheit Bauchschmerzen

Es gab eine sehr lange Zeit, in der habe ich voll auf berufliche Sicherheit gesetzt. Ich hatte (beinahe) stets einen festen Job und auch das damit verbundene regelmäßige Gehalt am Monatsende auf dem Konto. Die damit verbundenen Pflichten waren stets im Rahmen meiner Toleranzgrenzen und so gab es wirklich nichts daran auszusetzen. Irgendwann machte ich aber den Schritt in die Selbstständigkeit, selbstverständlich inklusive aller Vor- und Nachteile, die das so mit sich bringt. Es gibt ausreichend mehr oder weniger schlaue Sprüche zu diesem Thema und wirklich verkehrt ist kein einziger davon. Ich habe mit diesem Schritt meine gewohnte Komfortzone verlassen und, das ist das wichtige Detail, eine neue Komfortzone betreten. Es ist kein Upgrade und auch kein Downgrade, es ist lediglich eine ganz andere Form des Komforts, um in diesem Sprachmuster zu bleiben.

Aber es soll gar nicht um die Vor- und Nachteile von Festanstellungen und Selbstständigkeit gehen. Es geht um das Gefühl von Sicherheit, und das ist eben nicht nur in der Selbstständigkeit ein bestimmendes Thema. Wir bekommen nach wie vor von der Gesellschaft vermittelt, wie relevant insbesondere finanzielle Sicherheiten sind. Ohne eine gute Altersvorsorge kommt man garantiert nicht weit. Ein regelmäßiges Einkommen gehört natürlich ebenfalls dazu, das beruhigende Gefühl zu wissen, dass das Geld auf dem Konto irgendwie zum Leben reicht, im besten Fall auch hier und da mal eine kleine Alltagsflucht zulässt.

Dieser Punkt führt dazu, dass wir alle immer wieder Entscheidungen treffen, mit denen wir vielleicht nicht so ganz zufrieden sind. Andererseits hängt halt ein gewisses Maß an finanzieller Absicherung dran und so beißen wir viel zu oft in saure Äpfel, indem wir dem Geld und nicht dem Herzen folgen. Das soll auf gar keinen Fall heißen, dass ein Leben in der solidarischen Hippie-Kommune besser sei. Aber es kann halt auch nicht richtig sein, wenn man sich Dingen verschreibt, die einem Bauchschmerzen bereiten. Selbstverständlich gibt es auch Situationen, die einem keine andere Möglichkeit lassen. Wenn das Leben gerade mit 190 km/h in Richtung Abgrund rauscht ist jeder rettende Strohhalm passend und wenn man sich dann verbiegt, dafür aber immerhin wieder etwas Licht am Horizont sieht, sind Bauchschmerzen zu vernachlässigen.

Glücklicherweise sind wir aber sehr oft in Situationen, die uns eigentlich ausreichend Freiheiten zu Entscheidungen lassen. Irgendwie geht es nämlich beinahe immer weiter und dann stellt sich die Frage, warum man sich zu fragwürdigen Entschlüssen bewegen ließ, die für Unmut, fehlenden Antrieb und unnötigen Stress sorgen. Ich habe insbesondere nach dem Wechsel in die Selbstständigkeit schon häufiger vor solchen Situationen gestanden. Irgendwie knirscht es an allen Ecken und Enden, ein scheinbar lukratives Angebot flattert auf den Tisch und man muss sich plötzlich entscheiden. Manchmal geht das schnell, man weiß sofort ob man sich damit wohlfühlt oder eben nicht. Es gibt aber auch Momente, in denen ist man sich nicht wirklich sicher und man ringt mit sich, wägt alle Aspekte gegeneinander ab. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es sich beinahe nie lohnt, sich an diesem Punkt für die Sicherheit zu entscheiden, denn meist ist dabei nur eins sicher – Bauchschmerzen.

Text: K. v. Heldth
Foto: Moritz Thau für Heldth