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Almost Forty – Analoge Erinnerungen

Am Wochenende fielen mir alte Fotoalben in die Hand, meine alten Fotoalben. Und während ich so durch die liebevoll arrangierten, mit kleinen Randnotizen versehenen Seiten mit Fotos blätterte, fiel mir auf wie wertvoll diese Alben eigentlich sind. In erster Linie sind in ihnen die Erinnerungen meiner Eltern gesammelt, denn zu vielen Situationen auf diesen Bildern habe ich selbst keinen zeitlichen oder geografischen Bezug. Aber ich bin nun einmal auf den meisten dieser Fotos zu sehen und so werden die gesammelten Momente zu einem Teil meiner eigenen Geschichte.

Das erste Buch ist dunkelblau, in goldener Schrift prangt darauf „Unser Kind“ und es beginnt mit den klassischen Babyfotos. Das beinahe unvermeidliche Klischee-Bild mit nacktem Hintern auf einem Eisbärenfell ist nicht dabei. Das ist fast schon ein wenig schade, aber wir hatten eben keine Eisbären bei uns. Überhaupt ist der Großteil meiner Kindheit schwarz-weiß, denn Farbfilme waren damals schlichtweg sehr teuer und gefühlt war damals sowieso nicht alles so bunt wie heute. Ich krabbele mich ins windelfreie Alter, ziehe Grimassen und stehe in eigenartigen Posen parat. Ich teile den Raum auf dem Fotopapier mit Freunden und Familienmitgliedern, dann und wann sogar mit Tieren. Es gibt drei dieser Alben aus meinem Leben und sie enden kurz vor dem Moment, an dem ich mit 19 mein Elternhaus verließ, um die Welt zu erobern. Ich kann mit diesen Büchern meine eigene Kindheit und Jugend im Schnelldurchlauf wiederbeleben und es ist ein wundervoller Spagat zwischen Stolz und Peinlichkeiten.

Es ist erstaunlich, dass diese Ansammlung unscharfer, teilweise leicht vergilbter, manchmal seltsam beschnittener Fotos eine solche Bedeutung hat. Zumindest für mich. Es sind Momentaufnahmen aus einer Zeit, die insbesondere durch die Erzählungen älterer Familienmitglieder zum Leben erweckt wurden. Erinnerungen, die sich längst wie meine eigenen anfühlen, hörte ich diese Geschichten doch dutzende Male aus ihren Mündern. Da spielt es keine Rolle, dass die Qualität der Bilder zumeist nicht so gut ist. Wir hatten schlichtweg keine talentierten Fotografen in der Familie, und an Erinnerungen nimmt ja was man bekommen kann.

Heute sammeln wir unsere Erinnerungen digital und wohl jeder hat schon den einen oder anderen Augenblick verloren, weil ein Telefon verloren oder gestohlen wurde, kaputt ging oder sonst irgendwie aus dem Verkehr gezogen wurde, ehe mal wieder ein Daten-Backup gemacht wurde. Die meisten Fotos aus meinem eigenen Leben sind seit Anfang der 2000er digital und ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung habe, auf welchen Festplatten die liegen oder ob es besagte Festplatten überhaupt noch irgendwo gibt. Die visuellen Erinnerungen an diese Zeit sind vermutlich irgendwo, aber eben in keinem Buch, dass ich aus dem Regal ziehen kann, um für ein paar Minuten darin zu verweilen.

Natürlich kann man längst digitale Fotobücher drucken lassen und vermutlich gibt es sehr disziplinierte Menschen, die das mehr oder weniger regelmäßig machen. Ich habe das bisher immer versäumt und ich habe noch ein anderes Problem damit. Es fühlt sich nicht so gut an, durch die im Digitaldruck erstellten Kataloge zu blättern. In meinen schweren Fotoalben lösen sich hier und da die Seiten, das dünne Trennpapier zwischen den Fotoseiten raschelt, ist verknickt und wirkt so herrlich altbacken. Die liebevollen Arrangements meiner Mutter, die mit kleinen Ausschnitten aus Karten und Zeitschriften aufgelockert wurden, fühlen sich wärmer an als die sauber gerasterten Layouts der digitalen Fotobücher. Es ist eine ganze Spur persönlicher, wenn man ein so dickes, klassisches Fotoalbum in der Hand hält. Darin scheinen die Seelen der eingefangenen Momente zu stecken.

Eventuell sollte ich mich mal hinsetzen und die alten Festplatten durchforsten, danach USB-Sticks mit Bilddaten vollpacken und entsprechende Fotoprints in Auftrag geben. So ein Fotoalbum zu basteln scheint eine ganz gute Möglichkeit zu sein, die eigenen Erinnerungen aufzuarbeiten und festzuhalten. Und es ist allemal besser als die Sozialen Netzwerke nach der eigenen Geschichte zu durchsuchen.

Text: K. v. Heldth
Foto: Heldth