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Almost Forty – Neues Jahr, neues Ich?

Ein neues Kalenderjahr ist für viele Menschen Anlass genug, um sich mit guten Vorsätzen in die folgenden 365 Tage zu stürzen. Endlich mit dem Rauchen aufhören. Weniger Alkohol trinken. Mehr Sport treiben. Gesünder essen. Mehr Zeit für sich selbst finden. Die Klassiker wiederholen sich alle Jahre wieder. Und sie wiederholen sich, weil die guten Vorsätze oftmals früher oder später von Gewohnheiten oder einem schwachen Moment gefressen werden. Es ist nämlich scheinbar gar nicht so einfach Dinge zu ändern, sich zu ändern. Dabei ist die Idee der guten Vorsätze eigentlich ziemlich gut.

Die Spirituosen- und die Tabakindustrie haben am Jahresanfang vermutlich finanzielle Einbußen, die 1:1 als steigender Umsatz bei den Sportartikelherstellern verbucht werden, die Fitnessstudios platzen aus allen Nähten und kommen kaum mit dem Ausdrucken neuer Mitgliederverträge hinterher.

Einen markanten Zeitpunkt zu finden, um Dinge im eigenen Leben zu ändern, macht es einfacher, sich nicht schon gleich am nächsten Tag vom eigenen Schweinehund wieder niederringen zu lassen. Es fühlt sich einfach weniger Larifari an, als am 16. April um 13.26 Uhr zu beschließen, dass man ab jetzt Dinge anders machen möchte. Ein neues Jahr, ein neues Ich. Die meisten guten Vorsätze basieren auf der Erkenntnis, dass man mit persönlichen Angewohnheiten und/oder Sichtweisen nicht zufrieden ist. Unterm Strich steht also die Idee ein besserer Mensch werden zu wollen. Zumindest aus der eigenen Perspektive. Und da der Geist willig ist, das Fleisch aber nunmal viel zu häufig schwach, bietet ein neues Kalenderjahr gefühlt etwas mehr Druck.

Es ist ein testen der eigenen Stärke und Möglichkeiten. Vielleicht ist es letztendlich auch gar nicht so wahnsinnig schlimm, wenn man Mitte März in die alten Verhaltensmuster zurückfällt. Zumindest, wenn man die vorangegangene Zeit mit dem neuen Ich nicht bereut und für verschwendet erachtet. Vielleicht klappt es im kommenden Jahr mit den gleichen Vorsätzen ja sogar noch besser und man strauchelt erst im April oder gar nicht. Denn die eigenen Gewohnheiten bieten, egal wie gut oder schlecht sie sein mögen, auch ein gewisses Maß an Sicherheit im Leben. Jene äußeren Einflüsse, die dafür sorgen, dass man die selbstgefassten Vorsätze wieder fallen lässt, können vielfältig sein. Und dann ist es mit dem Gefühl der Sicherheit eben viel komfortabler.

Ich selbst gehe eher selten mit guten Vorsätzen ins neue Jahr. Natürlich nicht, weil ich bereits ein so guter Mensch bin, dass ich nichts mehr in meinem Leben ändern muss. Vielmehr, weil ich mich so schwer entscheiden kann, was ich denn nun genau anders machen möchte oder sollte. Ich bin allerdings diszipliniert genug, um solche Veränderungen dann auch fernab des 1. Januars anzugehen. Und manchmal schaffe ich es dann sogar, meine persönlichen guten Vorsätze konsequent durchzuziehen. Andererseits gibt es aber eben auch Laster und schlechte Angewohnheiten, die ich mir ganz explizit leisten möchte. Bis es sich irgendwann okay anfühlt auch diese hinter mir zu lassen. Am Ende muss man ja doch nur sich selbst etwas beweisen.

Text: K. v. Heldth
Foto: das Urheberrecht liegt bei Jorgen Kesseler