3

„Es gibt kein richtiges Leben in Flaschen…“,

… sagte Andrew in der letzten US-Wahlnacht und wusste dabei nicht, wie Recht er damit hatte. Weder im bourgoisen Rausch, noch in der Angst vor der anderen Seite, lässt es sich gut leben. Auf eine Zeitreise zwischen Maisdestillat und Moral, zwischen Kapitalismus und Kneipe.

„Der Schutzmann schlägt mit dem Gummiknüppel auf den Streikenden los, der Sohn des Fabrikanten darf gelegentlich mit dem progressiven Schriftsteller Whisky trinken.“ (Minima Moralia, Theodor W. Adorno)

Der Satz fällt im „Silver Dollar“, Nashville, Tennessee. Es ist etwa 02:00 Uhr morgens, Donald Trump hat die US-Wahl gewonnen und damit auch der nächtliche Umsatz des Silver Dollar. Man kann nicht sagen, dass die Stimmung ausgelassen wäre; sie war vor allem beachtlich betrunken. Als wäre es die letzte Runde, und das bereits seit dem sicheren Ausgang der Wahl, also zur Abendessenszeit. Aber so ist das wohl, wenn der Tag mit einem Destillerie-Besuch startet, sich auf der Shooting Range fortsetzt, auf dem Pferderücken weitergaloppiert und mit einem Tastingsbus in die Bar fährt. Ja wirklich, der ganze Tag ist in die Bar gefahren. Dort hat er einfach alles ausgetrunken. Horse´s Neck und Whiskey Sour im Besonderen, aber auch Craft Biere und Cidre waren nicht sicher vor ihm gewesen. Damit aber ist der Tag nicht allein und so leistet ihm ein ganzer Silver Dollar Gesellschaft. So kommt es, dass der Tag und die Menschen, ja, dass man sich einander im Thema „Waffenrecht“ widerfindet. Denn gerade solche Tage müssen sich irgendwo finden, da sind die Menschen ein guter Ort.

Der Tag sagt: „Es gibt immer verschiedene Perspektiven. Von überall her.“
Andrew: „But I love my gun. It protects me.“
Frau: „Who threatens you?“
Andrew: „Life.“
Frau: „Sure, life is scared of guns?“
Andrew: „You fuckin Germans. Can´t stop to philosophize, right? I tell you somethin´, girl. I do know a German philosopher. His name is Ä-dorno. He used to say one thing: Es gibt kein Leben in Flaschen.“

Fürwahr, der Tag hat uns allen zugesetzt. Auch sich selbst; spätestens nachdem alle Länder dieser Welt die Zeitverschiebung eingeholt hatten, hängt er bleich über der Toilette. Eines jedoch geht im nicht aus dem Kopf. Gibt es wirklich kein richtiges Leben in Flaschen?

Manchmal muss man innehalten, auch als Tag. Und manchmal, da reicht auch Innehalten nicht, da muss man umkehren. Zurückgehen in die Mittvierzigerjahre, zum Beispiel. In amerikanischem Exil und in kritischer Betrachtung der derzeitigen Entwicklungen in Europa schreibt Theodor W. Adorno zu dieser Zeit seine „Minima Moralia“.  In ihr ruft er dazu auf, auch in kapitalistischen und faschistischen Systemen an den Begriffen „richtig“ und „falsch“ festzuhalten. Dazu, dass man sich unter allen denkbaren Umständen weiterhin bemühen sollte, so zu leben, „wie man in einer befreiten Welt glaubt leben zu sollen, gleichsam durch die Form der eigenen Existenz, mit all den unvermeidbaren Widersprüchen und Konflikten, die das nach sich zieht, versuchen, die Existenzform vorwegzunehmen, die die eigentlich richtige wäre. […] Die wichtigste Form, die das heute hat, ist der Widerstand.“ Zusammengefasst sind diese Gedanken in einem der vermutlich meist zitierten Postulat aus dem philosophischen Phrasen-Potpourri: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“.

Indes in Louisville

Gegen Ende von Adornos Arbeit an der Aufklärung, an seinem kalifornischen Schreibtisch sitzend, kommt am 8. April 1947 in Louisville, zwei Meilen weiter östlich, Harry zur Welt. Harry, das ist Harry J. Shapira, Sohn von keinem geringeren als Mitgründer der Heaven Hill Destillerie, David M. Shapira. Gemeinsam mit seinen vier Brüdern, hatte er die Heaven Hill Destillerie gegründet, und zwar bereits im Jahr 1890 – einer Zeit, da war Adorno noch 30 Jahre tot. Und Tote trinken bekanntlich keinen Whisky, also dürfte das für Adorno noch von keinem besonderen Interesse gewesen sein. Im Blick auf den Whiskey war das aber überhaut eine gute Zeit tot zu sein, denn während der Prohibition in den 20er und 30er Jahren florierte die Produktion in Heaven Hill so gar nicht. Erst nachdem David Shapira, Harrys Vater sich nach Ende der Prohibition mit seinen vier Brüdern  ihrer Wiedereröffnung widmet, läuft das Geschäft erstmals richtig an. Wie das aber so ist mit Vätern, sterben die irgendwann. In der Regel hinterlassen sie auch etwas: in schlechteren Fällen ist das blanker Wehmut,  in den besseren Bourbon Whiskey. Harry und sein Cousin Max, einziger Sohn seines Onkels Ed, übernehmen die Destillerie als zweite Generation, wobei Max ihr Präsident wird.

Die ungleichen Cousins, obwohl beide Business studiert, unterscheiden sich in Werten und Vorstellungen. Wohingegen Harry während des Vietnamkriegs bei der Army dient um anschließend beim Lazarus Department Store tätig zu werden, entscheidet Max sich zunächst für eine Karriere an der Wall Street, bei einem Unternehmen, das heute bekannt ist unter JP Morgan & Co. Anschließend, nämlich im Jahr 1971 kehrt Max ins elterliche Unternehmen zurück um dort dafür zu sorgen, dass Heaven Hill sich innerhalb kurzer Zeit zum sechstgrößten Spirituosenproduzenten des Landes vergrößert. Derweil kümmerte sich Harry um das Heritage Centre und löst die Kreuzworträtsel aus der New York Times. Adorno indes, ist schon wieder tot.

Worte wie Whiskey-Soda

Während sich die einen an der Wall Street durch Wählscheiben wühlen und die anderen an ihrem Whiskey schlürfen, brüten die Dritten im Westen über das Wesen von Moral. Und dabei sollte man meinen, diese Drei hätten miteinander rein gar nichts gemein. Doch das ist falsch.

In besagter Schrift „Minima Moralia“  brütet Adorno über die Möglichkeiten, in einem kapitalistischen und somit per se ungerechten System wahrhaft und richtig zu leben. Intuitiv möchte man zur Beantwortung dieser Frage gerne Max von der Wall Street dazu schalten, der bei Beendigung des Textes gerade einmal drei Jahre alt war. Adorno ärgert sich darüber, dass das Ideal des (westlichen) Mannes verkommen sei zu einem Archetypen mit gutem -Aussehen, der „im Smoking, spät abends, allein in seine Junggesellenwohnung kommt, die indirekte Beleuchtung andreht und sich einen Whiskey-Soda mischt“. Selten sind Worte so köstlich wie ein Whisky-Soda. „das sorgfältig aufgenommene Zischen des Mineralwassers sagt, was der arrogante Mund verschweigt; daß er verachtet, was nicht nach Rauch, Leder und Rasiercreme riecht, zumal die Frauen, und daß diese eben darum ihm zufliegen. Das Ideal menschlicher Beziehungen ist ihm der Klub, die Stätte eines auf rücksichtsvoller Rücksichtslosigkeit gegründeten Respekts.“ Zwei Dinge werden spätestens jetzt deutlich. Adorno ist angewidert vom wohlhabenden Weißen, der saturiert in seiner virilen Verbundenheit zur Welt, erhaben ist von jeder Form der Armut, die ihn zu nur scheinbarer Sittlichkeit befähigt. Zweitens, dass Whiskey in diesem Zusammenhang mit keiner besonders guten Konnotation davongekommen ist.

„What a man is worth“ sei in Wahrheit, verdammt nochmal, eben nicht das Bankkonto – in der Realität allerdings, leider schon. Der Wert eines Mannes sei fälschlicherweise seine „Generosität im privaten Verkehr, wie sie vermeintlich die Reichen sich leisten können, der Abglanz von Glück, der auf ihnen ruht, und von dem etwas noch auf jene fällt, die sie heranlassen, all das wirkt am Schleier. Sie bleiben nett, the right people, die besseren Leute, die Guten. Reichtum distanziert vom unmittelbaren Unrecht. Der Schutzmann schlägt mit dem Gummiknüppel auf den Streikenden los, der Sohn des Fabrikanten darf gelegentlich mit dem progressiven Schriftsteller Whisky trinken.“

Make America thirsty again!

Sind progressive Schriftsteller diejenigen, die ihr Geld mit Texten über Whiskey verdienen und eines Tages, kurz nach einem Besuch auf der Shooting Range, für jenen Text im Büro von Max Shapira stehen?

In jedem Falle ist es der 7. November im Jahr 2016, als Max Shapira an seinem Weißeichen Schreibtisch in Heaven Hill sitzt und von seiner Kampagne des dritten Wahlkandidaten erzählt. In den Wochen zuvor hatte er, gemeinsam mit einer Werbeagentur aus Louisville und einem lokalen Whiskyblogger eine Kampagne gestartet: „Make America thirsty again.“ „Wenn man schon über Geschichte, Kulturerbe und über Tradition sprechen möchte,“ so Max, „kann man auch gleich über Evan Williams und Elijah Craig sprechen.“

Es ist, zugegebenermaßen, nicht besonders schwierig, die Geschichte einer Destillerie so zu erzählen, dass man sie gerne liest. Familiengeschichten füllen die Kinos der Welt und selbst die Entstehung einer Marke ist zumindest seit der Industrialisierung imstande uns zu Tränen zu rühren. Familienbetriebe, Liebe und Tradition. Mit der Geschichte über Max und die Minima Moralia, über den Protestschreiber und die Prohibition, über Adorno und Shapira, ist das anders. Hier entfaltet sich ein Dialog, der sich nur anzeigt, wie es zum Tag des 8. Novembers geführt hat, sondern einer, der beweist, dass auch „Kulturgut“ seine Seiten hat, die es aufrecht zu erhalten gilt. Und die anderen.

„Es gibt kein richtiges Leben in Flaschen,“ hat Andrew also gesagt und an seinem Einmachglas genuckelt. Seinem Mason Jar, das auf die Zeiten der Prohibition referiert, in denen Schnaps durch Schmuggler und Schwarzbrenner vor allem in Einmachgläsern weitergereicht wurde. Maybe not always and neccessarily in Flaschen. Bestimmt aber in ihrer Geschichte, ihrem Kulturerbe und ihrer Tradition. Und sollte es irgendwann einmal gar keinen Ort mehr geben, an dem wir über die Zeiten, Kontinente und Werte hinweg miteinander über ein und dasselbe Land sprechen können – so lasse man bitteschön Andrew, Adorno und die Shapiras im Silver Dollar zusammenkommen.

Foto & Text: Juliane Reichert


Mit freundlicher Unterstützung von Evan Williams.