1

Tesla der Motorradbranche – im Gespräch mit Ralf Czaplinski, Zero Motorcycles Europe

Ralf Czaplinski ist Country Manager für die Gebiete Deutschland, Österreich, Schweiz und Osteuropa bei Zero Motorcycles Europe. Das heisst, er kümmert sich um Vertrieb, Marketing und die Entwicklung des Händlernetzes. 2011 machte Ralf seine erste Probefahrt auf einer Zero, das hinterließ einen so starken Eindruck bei ihm, dass er im Mai 2012 seinen Job bei Zero Motorcycles antrat. Seither hält er die Fahne für E-Mobilität auf zwei Rädern nach oben und wenn man mal eine Runde auf einer Zero gedreht hat, dann versteht man sehr schnell den Grund dafür. Wir sprachen mit Ralf über die Idee von Zero Motorcycles, die anstehenden Herausforderungen und über die Zukunft der Zukunft.


Elektrische Motorräder gehören ja noch längst nicht zum Standard. Erzähle doch mal bitte, wie die Geschichte von Zero Motorcycles angefangen hat.

Sehr typisch für ein erfolgreiches US Startup, fing alles in einer Garage im Sillicon Valley an. Motorradfreak und ex-NASA Ingenieur Neal Saiki baute 2006 sein erstes Elektromotorrad. Zu einer Zeit in der es noch keine serienmäßig hergestellten Elektrofahrzeuge gab, weder Auto noch Motorrad. Das erste Modell hieß „Drift“ und war ein leichtes aber kraftvolles Geländemotorrad. Der Schwerpunkt der weiteren Entwicklungen lag auf Off-Road Motorrädern mit damals noch sehr überschaubaren Höchstgeschwindigkeiten und Reichweiten. Dennoch war der elektrische Antrieb bereits leistungsstark und leise und eröffnete ganz neue Möglichkeiten.

Die Dynamik rund um Zero Motorcycles weckte das Interesse einer der größten Private Equity Banken der Welt. Man wurde sich einig und der Investor treibt seither das Wachstum voran. Seit 2009 gibt es Zero Motorcycles auch in Europa.

Ist der deutsche Markt bereit für einen so idealistischen und innovativen Ansatz?

Unbedingt! Das war er für gewisse Zielgruppen bereits beim europäischen  Markteintritt 2009. Zwischenzeitlich sind wir nicht nur hinsichtlich Leistungsdaten im Motorradmarkt angekommen sondern auch was Design und Finish der Fahrzeuge betrifft. Der Interessentenkreis erweitert sich ständig. Es sind längst nicht mehr nur politisch korrekte Öko-Biker, vielmehr Motorradfahrer wie Du und ich, die losgelöst von allen ökologischen und ökonomischen Vorteilen einfach nur die enorme Kraft von fast 150 Nm Drehmoment erleben wollen. Wir werden immer mehr fester Bestandteil der Motorradlandschaft.

Ganz deutlich wird es aber bei der Händlernetzentwicklung. Waren es am Anfang nur Händler aus der alternativen Energie- oder E-Mobilitätsbranche, sind es heute immer mehr alteingesessene Motorradhändler die erfolgreich unsere Motorräder verkaufen. Ein eindeutiger Hinweis darauf, daß Elektromotorräder in der Szene immer mehr Akzeptanz finden.

Insbesondere Reichweite, Ladezeiten und die nötige Infrastruktur scheinen bei uns ja ein Thema zu sein. Wie begegnet Ihr diesen Herausforderungen?

Unsere Ingenieure drehen seit jeher an beiden relevanten Schrauben: Reichweitenerhöhung und Ladegeschwindigkeit. Mit unseren aktuellen Motorrädern erzielen wir Reichweiten, die den meisten Motorradfahrern für Ihre Sonntagstour ausreichen. Mit der für 2018 neuen Schnellladetechnik werden sogar Tagestouren jenseits der 400 Kilometer möglich sein.

Die meisten unserer Kunden laden daheim oder auf der Arbeit an einer ganz normalen Steckdose und kommen damit sehr gut zurecht. Man muss halt wissen wofür man das Motorrad braucht. Zum Pendeln zur Arbeit und für normale Touren am Wochenende sind unsere Motorräder bereits perfekt geeignet.

Die Idee von E-Mobilität braucht derzeit ja noch Vorreiter, die das Thema liberalisieren. Im Automobilbereich übernimmt Tesla diese Rolle. Hat Zero Motorcycles eine vergleichbare Position in der Zweiradwelt?

Wir werden häufig als Tesla der Motorradbranche bezeichnet. Das kann man gern so sehen, wenn man möchte. Ganz sicher sind wir Vorreiter. Wie bereits erwähnt, sind wir nicht nur der Elektromotorradhersteller mit der längsten Geschichte, sondern auch mit Abstand Marktführer. Sämtliche Hersteller von Elektromotorrädern weltweit produzieren und verkaufen in der Summe nicht so viele Elektromotorräder wie Zero Motorcycles.

Elektromotorräder sind der nächste Schritt in der Entwicklung der Motorradindustrie und diesen Schritt begleiten wir von Anfang an. Auf diesem Weg gab es jede Menge Stolpersteine, die wir überwinden mussten und aus denen wir gelernt haben. Das Durchlaufen dieses Prozesses im Alleingang macht uns meiner Meinung nach ganz klar zum Vorreiter.

Was denkst Du, ab wann wir Elektromotoren als vollwertigen Lösungsansatz betrachten werden?

Wenn man sich mit dem Thema beschäftigt, wird man feststellen, dass der Elektromotor per sofort als vollwertiger Lösungsansatz betrachtet werden sollte. Im Bereich der urbanen Mobilität muss das Thema wesentlich schneller vorangetrieben werden. Die technischen Lösungen dafür sind da. Beim Güterverkehr ist sicher noch etwas Entwicklungsarbeit notwendig.

Elektrofahrzeuge sind noch ziemlich teuer in der Anschaffung. Wie wird sich das entwickeln?

Auch bei den Elektrofahrzeugen werden die Skaleneffekte selbstverständlich die Anschaffungspreise nach unten korrigieren. Bei der derzeitigen Entwicklung werden die positiven Auswirkungen auch bald deutlich zu erkennen sein.

Aber so lange muss man nicht warten, sondern man sollte die Angelegenheit ganzheitlicher betrachten. Wenn man über hohe Anschaffungskosten spricht, muss man fairerweise auch die geringen operativen Kosten ins Kalkül ziehen. Die sind beim Elektrofahrzeug wesentlich geringer als beim vergleichbaren Verbrenner. Am Beispiel unserer Motorräder haben wir unabhängig errechnen lassen, dass man bei Betrachtung von fünf Jahren Betriebszeit und einer Kilometerlaufleistung von 8.000 Kilometern jährlich etwa 1.100 Euro im Vergleich zum traditionellen Motorrad pro Jahr spart. Kosten für Öle, Filter, generell für viele Wartungs- und Inspektionarbeiten, Kraftstoff, Kraftfahrzeugsteuern und so weiter fallen komplett weg.

Aktuell wird der E-Mobilität ja vorgeworfen, dass sie die Umweltverschmutzung nur verlagern würde. Wie geht ihr mit diesem Vorwurf um?

In der Tat wird das gerade sehr kontrovers diskutiert. Analog einer Kundenbefragung haben derzeit mehr als 50 Prozent unserer Kunden eine Photovoltaikanlage und laden daher mit regenerativer Energie. Wenn wir nun mit dem Absatz ins Volumen gehen, wird dieser Prozentsatz natürlich deutlich fallen. Kunden, die keinen eigenproduzierten Strom nutzen können, haben aber ja die Möglichkeit die Herkunft Ihres Stroms selbst zu bestimmen. Wer sich hier für einen der vielen Ökostromanbieter auf dem Markt entscheidet, wird die Umweltverschmutzung nicht verlagern. Die zunehmende Nachfrage nach diesem Strom wird den Energiemarkt in absehbarer Zeit regulieren. Tendenzen in diese Richtung sind eindeutig erkennbar.

Wie sieht die Zero Motorcycles Zukunft aus? Auf welche Ziele arbeitet ihr hin?

Zero Motorcycles wird die Marktführerschaft in diesem Segment nicht nur halten wollen, sondern wir planen diese noch auszubauen. Elektromotorräder werden fester Bestandteil der Motorradlanschaft sein.

Darüber hinaus arbeiten wir – neben dem „regulären“ Motorradgeschäft – auch an zwei weiteren Säulen unseres Unternehmens: Flotten für Behörden und Kooperationspartner für unseren Antriebsstrang. Insbesondere die Elektrifizierung von Motorradflotten bei Polizei, Militär und Special Forces nimmt rasant an Fahrt auf. Die taktischen Vorteile liegen hier klar auf der Hand.

Hersteller anderer Elektrofahrzeuge wie Karts, ATVs, Quads und sogar Jetskis interessieren sich für unseren Antriebsstrang bestehend aus Motor, Controller und Batterie. Diesen Unternehmen sind wir ab einer bestimmten Auftragsgröße gerne behilflich.

Habt Ihr noch ein paar Überraschungen in der Hinterhand? Worauf können wir hoffen?

Leider sind sämtliche Informationen hinsichtlich künftiger Motorräder streng vertraulich. Was ich allerdings schon verraten kann, ist dass die Konnektivität unserer Motorräder immer interessanter wird. Unsere Zero App wird bald sehr viel mehr können als nur Fehlerdiagnosen, Echtzeitdaten und Einstellungen von Fahrmodi. Grundsätzlich wird es sehr spannend.

Was wünschst Du Dir persönlich von einem Elektromotorrad?

Ganz klar: bi-direktionales Laden. Das heißt, dass die Motorradbatterie als Energiespeicher dienen kann. Die wohl sinnvollste Anwendung wäre als Energiespeicher für den selbstproduzierten Strom aus der PV-Anlage. In der Nacht schaltet der Wechselrichter um und entnimmt der Batterie den tagsüber produzierten Sonnenstrom für den Haushalt. Bei 14,4 kW/h Kapazität unserer Batterien ist das in der Regel das Doppelte an Kapazität eines haushaltsüblichen Hausspeichers im Keller. Zudem sieht unser Speicher besser aus und man kann damit flotter um die Ecken fahren.

Die Anwendung bietet enorm viele Möglichkeiten. 220 Volt überall wo das Motorrad hinkommt. Auf der Berghütte, im Wald für die elektrische Kettensäge, an Bord eines Bootes, im Wohnmobil und so weiter. Erste Tests dazu laufen übrigens und es funktioniert hervorragend.

Vielen Dank Ralf. Wir sind ja bereits Zero Fans und werden selbstverständlich immer ein Auge auf Euch behalten. Wir wünschen gute Fahrt.


Fotos: Tim Adler für Heldth

Für unser Online Magazin setzen wir Cookies ein. Durch die Benutzung dieser Webseite, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen finden Sie hier.

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen