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Mit 47 km/h in die Zukunft – Eine Runde auf der E-Schwalbe

Die Formensprache der 60er Jahre ist wahrhaft besonders. Diese besondere, schwungvolle Linienführung hat es nahezu ausnahmslos geschafft, in absoluter Würde zu altern. Das gilt für die erste Generation des Porsche 911 genau so wie für die Simson Schwalbe. Zweiundzwanzig Jahre lang wurde die Schwalbe beinahe unverändert gebaut, ein Fakt der ganz sicher dem speziellen Umgang der DDR-Regierung mit Fortschritt geschuldet war, aber dem Erfolg der Schwalbe keinen Abbruch tat.

Die markante Formensprache, der recht flotte Motor und die robuste Technik verhalfen dem Mokick im Rollergewand zu einem ganz eigenen Kult. Schwalbe fahren ist mindestens so cool, wie auf einer alten Vespa durch die Stadt oder übers Land zu knattern. Mit der DDR starb aber auch das einstmals erste Modell der damals neu etablierten Vogelserie von Simson aus Suhl. Was blieb, sind die Fans, die in einer Fahne aus herb duftenden Zweitaktabgasen, fröhlich grinsend an allen modernen Fuffis vorbei zischen.

Diesen Geist der Vergangenheit in die Zukunft zu transportieren ist definitiv keine einfache Sache. In Zeiten immer wieder auftretender Retrowellen, die insbesondere von Profit denn von Leidenschaft getrieben sind, muss ein Produkt schon wirklich gut sein, wenn es erfolgreich sein soll.

Die Schwalbe aus dem Jahr 2017 sieht der Schwalbe von 1964 noch immer wahnsinnig ähnlich. Und doch sind es zwei ganz und gar verschiedene Fahrzeuge. Die Schwalbe aus 2017 ist eine überaus gut gelungene Neuinterpretation, mit der man die Blicke von Passanten auf sich zieht, immer wieder in interessierte Gespräche verwickelt wird und, das ist der wohl wichtigste Punkt, mit der man wirklich Spaß im Stadtverkehr haben kann. Und sie hat einen Elektromotor, das steht ihr nämlich sehr viel besser als ein moderner Viertakter.

Von 0 auf 100 in nur … nein, bei atemberaubenden 47 km/h ist Schluss. Auch die elektrische Schwalbe ist eine Fuffi. Aber von 0 auf 47 macht sie auch schon viel Spaß. Obwohl, ein bisschen schneller wäre schon schön. Das Original schafft schließlich locker 60 km/h. Das helle Surren des Elektromotors vermischt sich mit dem Abrollgeräusch der Reifen und es dauert gar nicht lange, bis man alle anderen Verkehrsteilnehmer eine Spur zu laut findet. Die leichte Kunststoffverkleidung steckt einiges weg, gerade im Stadtverkehr ist das doch sehr viel komfortabler als die ständige Bange, jemand könnte das blecherne Beinschild des Klassikers durch Ignoranz und Unachtsamkeit verbiegen.

Um die Kurven der Stadt schießt die Schwalbe mindestens so elegant, wie die namensgebenden Singvögel. Für rasante Überholmanöver sollte man sich aber insbesondere auf Fahrradfahrer konzentrieren. Alle anderen Verkehrsteilnehmer sind meist deutlich flotter unterwegs. Selbst der Pizza-Bote hat seinen chinesischen Baumarkt-Scooter mit fragwürdigen Mitteln getunt und kann höchstens beim Ampelsprint mal kurz beeindruckt werden. Auf der Geraden zieht er dann schon bald zutiefst befriedigt wieder an einem vorbei. Aber das macht fast nix, denn die Schwalbe ist dafür deutlich hübscher.

Steigt man – am Ziel oder am Ende der Akkuladung angekommen – von der elektrifizierten Schwalbe ab und stellt sie lässig auf ihren Seitenständer, lernt man schnell neue Leute kennen. Ob das ein adäquater Ersatz für Tinder und Co. ist, sei aber dahingestellt. Das Interesse ist groß, denn beinahe jeder kennt die Schwalbe. Also das Original. Und warum die jetzt keine Geräusche macht, doch irgendwie ein bisschen anders, vielleicht sogar cooler aussieht oder weshalb sie so gut erhalten ist, ist immer ein guter Gesprächseinstieg für echte Petrolheads. Obwohl Petrolheads sich in diesen modernen Zeiten wohl noch einen neuen Begriff für sich selbst überlegen müssen.

Am Ende des Akkus Tages steckt man dann einfach das Ende des fünf Meter langen Ladekabels in eine normale Steckdose und schickt die E-Schwalbe schlafen. Vorausgesetzt man hat irgendwo eine passende Steckdose, für Laternenparker ist das nämlich dann doch noch nicht so einfach, wie man sich das in einer Zeit wünscht, in der Elektromobilität auf allen Kanälen besungen wird, die Realität aber manchmal schlichtweg noch nicht auf die Gegenwart vorbereitet zu sein scheint.

MySchwalbe ist eigentlich ein ziemlich blöder Name für einen ziemlich coolen Elektroroller. Wenn so die Mobilität der Zukunft aussieht, müssen wir wirklich keine Angst vor dem haben, was da auf uns zukommt. Die Schwalbe überzeugt auch als Elektroversion und wenn man es doch nicht bei den 47 km/h belassen will, da kommt demnächst ein Modell mit 90 km/h Höchstgeschwindigkeit.


Fotos: Tim Adler für Heldth

Die elektrische Schwalbe wurde uns von der GOVECS GmbH zur Testfahrt zur Verfügung gestellt. Den Strom, den Kaffee und alles andere haben wir aber selbst bezahlt.

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