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Rizinusöl und Herzblut

Donnerstag, 15.20 Uhr. Die Classic TT tobt über den legendären Rundkurs der Isle of Man. Diese 60 Kilometer Asphalt gelten seit über 100 Jahren als das gefährlichste Motorradrennen der Welt und haben viele Legenden auferstehen lassen und mindestens genau so viele begraben. Wir stehen während der Rennabnahme in der Boxengasse und lassen die einzigartige Stimmung auf uns wirken, schauen den verschiedenen Teams bei routinierten Handgriffen zu und sehen, wie nah Freude und Leid hier beieinander liegen. Die Anspannung ist in die Gesichter fast aller Anwesenden gemeisselt, nur dieser eine Typ dort hinten lächelt, als er in die Kamera schaut. Wir stellen uns einander vor, er heißt Marc und ist Mechaniker bei einem kleinen Rennteam aus Belgien. Ungefähr zweieinhalb Minuten später lädt er uns ein, morgen einfach mal vorbeizukommen.

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Freitag, 7.30 Uhr. Der Duft von heißem Kaffee und frisch gebratenen Spiegeleiern zieht aus dem Wohnmobil in den großen Pavillon. Inmitten der verschiedenen Rennmaschinen, einer Werkbank und diverser Werkzeugwagen stehen zwei große Campingtische. Die tollkühnen Belgier sitzen mit ihren Familien beim Frühstück und laden uns sofort auf einen großen Pott Kaffee ein. Herzlichkeit macht sich breit und vereint sich mit dem Geschrei der Maschinen, die in der Nachbarschaft erste Testläufe und Motoreinstellungen absolvieren. Benzin, Gummi und der markante Geruch von Castrol R wabern durch die Luft und wir nehmen ein paar tiefe Atemzüge des Eau de Racing. Bart Crauwels, der Kopf des Teams „The Motorcycle Factory“ lacht und verrät uns, dass er und seine Kumpels sich manchmal ein Pfanne mit Castrol R auf dem Herd warm machen, um sich mit dem passenden Duft in der Nase vor dem Fernseher ein GP-Rennen anzusehen. Hier sind wir bei den Richtigen gelandet.

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Die Classic TT findet ein paar Wochen nach der legendären Isle of Man Tourist Trophy statt. Hier entsteht eine Art Kondensat des besonderen Isle of Man Spirits. Erfahrene Haudegen und wagemutige Hobbyfahrer kommen zusammen, um die Historie des ältesten Motorradrennens der Welt wiederzubeleben. Nirgends in Europa kommen so viele Rennmaschinen und Straßenmotorräder der 30er bis 80er Jahren zusammen, wie an diesen Tagen auf der kleinen Insel in der Irischen See. Die Faszination des Rennsports vergangener Epochen wird hier unfassbar und hautnah erlebbar.

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Freitag, 8.10 Uhr. Um uns die Maschinen des Teams genauer anzuschauen, müssen wir lediglich von den wackeligen Klapphockern unserer Gastgeber aufstehen und uns umdrehen. Vor uns steht eine außergewöhnliche Sammlung faszinierender Bikes. Eine Manx Norton, eine Suzuki TR500, zwei Paton und eine wirklich einzigartige König warten darauf, die wechselhaften Landstraßen der Insel zu einem endlosen grauen Band werden zu lassen.

Hans de Witt erzählt uns, wie er die König 1972 mit einem Freund in Berlin Kreuzberg gekauft und dann auf abenteuerliche Weise über die innerdeutsche Grenze bis nach Holland gebracht hat. Ursprünglich wurden sieben dieser Motorräder mit dem 2-Takt-4-Zylinder- Boxer Motor gebaut und genau eine dieser Maschinen existiert noch. Der fast 80-jährige Hans de Witt schenkt der König nichts und rast in knapp 23 Minuten über die 60 Kilometer lange Strecke. Nach der vierten Runde sind wir sprachlos und denken kurz darüber nach, unsere Helme einfach an den Nagel zu hängen. Vor allem, als er am Ende feststellt, dass sich ungefähr 800ml seines Motoröls, nicht nur über seine Stiefel, sondern auch über das Hinterrad verteilt haben.

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Freitag, 10.45 Uhr. Bart Crauwels hat alles versucht, die Starterlaubnis bleibt ihm verwehrt. Dabei wollte er endlich sein Traum von 2006 überwinden. Damals stürzte er mit seiner Paton und brach sich dabei die Hüfte und so ziemlich jeden Knochen in den Beinen, einen Fuß verlor er ebenfalls. Den Lebensmut und die Leidenschaft hat er dabei aber nicht verloren. Während des ersten Trainings in dieser Woche fiel seine Paton mit einem kapitalen Motorschaden aus und so blieb es auch in diesem Jahr ein Traum, den Inselkurs erfolgreich zu bezwingen. Denn jeder Fahrer muss mit seiner Maschine mindestens fünf Runden absolviert haben, um zum Rennen zugelassen zu werden. Da half es auch nichts, dass er versuchte, die Rennkommission davon zu überzeugen, ihn mit seiner Manx Norton starten zu lassen. Bart nahm es wie ein Mann und griff seinen Teamkollegen unter die Arme, wo es nur ging. Hier wird Zusammenhalt noch groß geschrieben.

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Freitag, 11.10 Uhr. Herman Verboven hielt sich heute den ganzen Tag im Hintergrund. Selbst kurz vor dem Rennen suchte er sich noch ein angenehmes Plätzchen im Schatten eines Baumes, um zu relaxen. Es mag durchaus ein wenig Nervosität im Spiel gewesen sein, denn er fuhr heute zum ersten Mal mit seiner historischen Paton über Rennstrecke. Das Rennen beendet er als 25. von 68 Startern in seiner Klasse und somit als schnellster Newcomer. Dabei ist er alles andere als ein Jungspund, von 1983 bis 1985 gewann er dreimal hintereinander ein ähnlich legendäres Rennen im Seitenwagen – die Rallye Paris Dakar.

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Freitag, 18.15 Uhr. Wir sitzen wieder gemeinsam an den beiden Campingtischen im Pavillon. Jetzt vermischt sich der herbe Geruch von belgischem Bier, Kartoffelbrei und Bratwürsten mit der markanten Note von Rizinusöl, die so typisch für Castrol R ist. Die Krümmer der Maschinen knacken leise, während sie langsam abkühlen und unser Gespräch dreht sich noch immer um Motorradrennen und die Legenden des Asphalts. Die Frauen des Teams haben sich den ganzen Tag gekonnt unsichtbar gemacht, eine Kunst, die die Männer zu schätzen wissen. Nicht weil sie Chauvinisten sind, sondern weil sonst die Angst noch viel eher zum Beifahrer werden könnte. Die vier Fahrer – Herman Verboven, Ronald Van Looy, Hans de Witt und Bart Crauwels – haben keine Todessehnsucht, sie wissen ganz genau, wie viele Opfer die Isle of Man schon gefordert hat und doch leben sie im hier und jetzt. Sie sprechen nicht von der Angst vor Unfällen und der ständig mitfahrenden Gefahr. Sie erzählen von all den Rennen, die sie sicher nach Hause gefahren haben, wie sie von Adrenalin und Glücksgefühlen beseelt das unbeschreibliche Gefühl hatten, alles wäre erreichbar und dass es sich für den Bruchteil einer Sekunde so anfühlt, als wäre man der König des Universums. Marc Tee, der Mechaniker des Teams, ist in seinem anderen Leben ein fantastischer Blues- Musiker und hat viele Jahre seines Lebens in den USA verbracht, um dort mit wahren Legenden auf der Bühne zu stehen. Er nimmt seine Gitarre und singt ein paar Strophen aus Louis Jordans „Let the good Times roll“.

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Freitag, 23.30 Uhr. Für echte Rennfahrer ist es schon viel zu spät und wir gehen langsam zwischen all den Wohnmobilen, Rennmaschinen und Pavillons zurück zu unserer Unterkunft. Die Jungs und Mädels von „TMF“ sind in Gedanken schon einen Tag weiter, denn nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Wir haben heute viel gelernt, viel gestaunt und noch viel mehr gefühlt. Wir beenden diesen grandiosen Tag damit, neue Freunde gefunden zu haben und mit der Erkenntnis, dass Herzblut ein noch besserer Treibstoff ist, als Benzin.

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Alle Fotos unseres Besuches bei „TMF“ während der Classic TT auf der Isle of Man finden Sie auf unserer Facebook Seite.

Fotos: Tim Adler für Heldth