Einerseits und andererseits – Die zwei Seelen des Range Rover

Gibt es wirklich Gut und Böse, wenn es um Autos geht? Ist der Range Rover P400e wirklich der Gute und der Range Rover Sport SVR der Böse? Es ist wahrlich nicht so einfach, eine klare Grenze zwischen diesen beiden Seiten zu ziehen. Denn am Ende ist eine Frage der persönlichen Perspektive, was gut ist und was böse. Im wahren Leben sind die Seiten nämlich oftmals nicht so klar verteilt, wie in einem actiongeladenen Hollywoodfilm.

Ohne Zweifel, wir brauchen mehr ökologisch gedachte Wagen auf unseren Straßen. Den aufregenden Weg in die Elektromobilität hat die Industrie bereits begonnen und die Richtung scheint zu stimmen. Immer mehr Fahrzeuge rollen mit leise surrenden, herrlich kraftvollen Elektromotoren auf die Straßen. Die dazugehörigen Batterien werden immer leistungsfähiger und auch die notwendige Infrastruktur befindet sich in intensivem Ausbau. Bis der Verbrennungsmotors final verbannt werden kann, vergeht allerdings noch einige Zeit. Der Plug-in Hybrid – also die Kombination aus Elektromotor und Verbrenner – gilt als eine durchaus akzeptable Übergangstechnologie auf der Reise in das Elektrozeitalter. Schließlich können damit Verbrauch und Schadstoffemission durchaus spürbar reduziert werden. Der Plug-in Hybrid gehört also schon einmal ganz sicher zu den Guten.

Autos decken oftmals aber mehr als ein reines Transportbedürfnis ab. Autos sind ein unglaublich emotionales Produkt. Vielleicht sogar das emotionalste Konsumgut, das wir in unserer Gesellschaft kennen. Sobald man nur einen Hauch von Leidenschaft für die vorrangig vierrädrigen Kisten hat, lassen einen imposante Eckdaten hellhörig werden und die ökologischen Aspekte doch mal eben ausblenden. Von einem Wagen mit 575 PS erwartet man nun einmal keine weltrettenden Ambitionen. Hier stehen ganz andere Tugenden im Fokus – Beschleunigung, Traktion, Höchstgeschwindigkeit, Fahrverhalten und nicht zuletzt der Spaß, den sie einem selbst beim Fahren machen. Ein auf Performance ausgerichtetes Automobil scheint nicht mehr verargumentierbar. Es kann ja nicht richtig sein, dass fossile Brennstoffe nur zur persönlichen Belustigung dienen.

Der Range Rover P400e

Der Stammbaum des Range Rover reicht bis ins Jahr 1970 zurück. Plötzlich gab es da einen echten Geländewagen mit dem Anspruch zugleich luxuriös zu sein. Da die Ölkrise noch nicht in Sichtweite war, wurde ein kräftiger V8-Motor unter die riesige Haube gepackt. Luxus ist schließlich weit mehr als nur edle Materialien und hochwertige Verarbeitung, Luxus ist auch immer eine ordentliche Portion Power. Über Abgaswerte sprach noch niemand und der Verbrauch spielte keine relevante Rolle.

Willkommen im Jahr 2018. Vieles hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert, die meisten Dinge immerhin zum Guten. Nach wie vor ist ein Range Rover noch immer ein echter Geländewagen mit dem Anspruch luxuriös zu sein. Diese einst wilde Idee hat sich längst manifestiert und wird zuhauf von anderen Herstellern kopiert. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. Eins bleibt dabei aber absolut unstrittig: So gut wie Land Rover, schafft diesen Spagat niemand.

Ein Vierzylinder mit zwei Litern Hubraum, allein schon für 300 PS gut, wird im P400e von Elektromotor begleitet, der durch zusätzliche 116 PS glänzt. Wie für ein wirklich geländegängiges Auto – und einen echten Land Rover – üblich, erfolgt die Kraftübertragung an alle vier Räder. Imposante 640 Nm Drehmoment produziert das ungleiche Motorenduo und die magische Marke von 100 km/h lässt sich in unter sieben Sekunden knacken. Wenn man auf diese technischen Eckdaten und die wahrhaft beeindruckende Erscheinung des Range Rover schaut, scheint das Konzept Plug-in Hybrid Luxus-Geländewagen mit irgendwie nicht sonderlich ökologisch.

Nun, die Perspektiven verschieben sich und wer ewig gestrig denkt, wird Neuem gegenüber nie offen sein. Tatsächlich kommen aus dem Auspuff des imposanten Wagens gerade einmal 64 Gramm CO2 pro Kilometer. Zumindest laut des umstrittenen NEFZ-Meßzyklus. Ein ganz normaler Volkswagen Golf mit Benzinmotor spuckt im direkten Vergleich mindestens 99 Gramm CO2 pro Kilometer aus. Das Luxuslevel oder die Performance beider Wagen vergleichen wir an dieser Stelle aber mal besser nicht auch noch. Falls man möchte, kann man mit dem P400e auch bis zu 51 Kilometer rein elektrisch fahren. Das ist deutlich mehr als eine Showeinlage. So kann man mit dem Plug-in Hybrid nämlich auch in Innenstädte, die für normale Verbrenner dann schon längst gesperrt sind. Der Range Rover, das Ökofahrzeug.

Es ist doch schon ziemlich großartig, dass man all den sagenhaften Komfort, die Sicherheit versprechende Imposanz sowie das noch immer beeindruckende Prestige eines Range Rover auch in einer Gesellschaft gutheißen kann, die sich der Weltrettung durch ökologischeren Individualverkehr verschrieben hat. (Wenn sie den Individualverkehr nicht gerade komplett abschaffen will.) Der P400e ist ein herrliches Beispiel dafür, dass man auch scheinbar gestrige Ideen in die Gegenwart transportieren kann, wenn man sich nur ausreichend viele Gedanken dazu macht.

Der Range Rover Sport SVR

Als der erste Range Rover fast fünfzig Jahren gleichermaßen auf Straßen und Boulevards sowie über Feld- und Waldwege rollte, war er bereits anders, als alles was es bis dahin gab. Er vereinte zwei Welten miteinander, die wohl niemand zusammengebracht hätte, außer eben britische Ingenieure mit Hang zur Exzentrik. Robuste Geländegängikeit und bestechender Luxus werden heute oft mit einem dritten Aspekt kombiniert – atemberaubender Performance. Bei Land Rover nennt man das dann schlicht SVR.

Trotz der reichen Markenhistorie, das Performance SUV wurde nicht von Land Rover erfunden. Aber das spielt auch keine Rolle, denn mit dem Sport SVR hat man immerhin den schnellsten Range Rover aller Zeiten auf seine mächtigen 21 Zoll Felgen. In Zeiten von Abgasskandalen, umweltschutzbedingten Fahrverboten und hohen Benzinpreisen scheinen solche PS-Monster obsolet. Sitzt man aber erst einmal hinter dem Lenkrad, denkt man anders darüber.

Fünfhundertfünfundsiebzig. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. 575 PS werden von dem V8 mithilfe eines Kompressors produziert. Damit lässt sich der SVR in nur 4,5 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen und wenn man will, rast die Tachonadel weiter, bis sie bei 283 ankommt. Begleitet wird das von infernalischem Gebrüll aus der zweistufigen Sport-Abgasanlage. Und auch wenn man sich mit einem solchen Kraftprotz nur ungern und äußerst selten ins Gelände traut, dieser Wagen ist ein waschechter Land Rover. Das heißt, er kann auch als verkappter Sportwagen noch immer spielend Schlamm und Geröll bezwingen.

Selbstverständlich gibt es nicht einen einzigen rationalen Grund für ein Auto wie den Range Rover Sport SVR. Aber muss es den denn überhaupt geben? Hinter dem Lenkrad sitzend, kann man sich ein verdammt schönes Grinsen ins Gesicht fräsen. Ein Punkt, der von viel zu wenigen Automobilen zu erwarten ist und damit ein ziemlich überzeugendes Argument. Es gibt nicht sehr viele Marktbegleiter, die ein solches Maß an atemberaubender Sportlichkeit mit überzeugender Geländegängigkeit kombinieren können. Außerdem hat der SVR eine Motorhaube aus gewebter Kohlefaser, das ist Supersportwagenniveau. Über den Verbrauch und den Schadstoffausstoß spricht man in dieser Fahrzeugkategorie allerdings besser nicht. Es werden aber auch niemals so viele SVR unterwegs sein, wie Autos der Golfklasse.

Dieser Wagen wirkt so, als hätte ein elfjähriges Kind sein absolutes Traumauto bauen dürfen. Schnell. Laut. Cool. Auffällig. Immerhin ist nicht auch noch die Anzahl der Auspuffrohre maßlos übertrieben. Wirklich niemand braucht einen Range Rover Sport SVR. Ehrlich. Wenn man allerdings anfängt, so zu argumentieren, beginnt eine nie endende Diskussion über Sinn und Unsinn von Dingen. Dieser kann man sich dann nur noch entziehen, indem man in einen knallblauen SVR steigt und mit 283 km/h Höchstgeschwindigkeit in Richtung Sonnenuntergang fährt. Vorher aber noch mal volltanken.

Das Fazit, das keines ist

Es ist die Automobil gewordene Kombination aus Charme, Klasse und Coolness. Eine Art Überauto, mit dem man irgendwie nicht viel verkehrt machen kann. Den Spagat zwischen repräsentativen Aufgaben zu besonderen Anlässen und endzeittauglicher Fortbewegung im Falle eines Falles schafft kein anderes Auto so gekonnt. Ein Range Rover ist über jede Debatte erhaben. Die Königin von England fährt schließlich auch Range Rover.

Mehr Infos zu beiden Modellen bei Land Rover

Fotos: Land Rover


Jaguar Land Rover Deutschland hat uns zum testen beider Fahrzeuge nach Großbritannien eingeladen und die gesamten Reisekosten dafür getragen.